6. Ausblick

In Renauds Chansons tritt das lebendige Französisch des Alltags verschiedener Personen hervor. Dabei können und dürfen die sprachlichen Register nicht in ein festes Schema gepresst und als absolut angesehen werden. Trotz der vielen linguistischen Ansätze und Beschreibungsversuche bestehen weiterhin zahlreiche Probleme und Unzulänglichkeiten bei der Zuordnung und Abgrenzung der Register. Hier muss dem Faktor der Lebendigkeit und der Veränderung der französischen Sprache ein großes Gewicht zugestanden werden. Die Sprachebenen lassen sich nicht eindeutig trennen, in einem Gespräch, ja sogar in einem Satz, können Elemente der verschiedenen Register zusammenspielen. Im Falle von Renauds Chansons handelt es sich aber nicht um eine spontane Wahl des Registers und des Sprachniveaus, sondern um eine bewusste Verwendung bestimmter sprachlicher Merkmale. Diese Wahl unterstützt Renauds Intention, die Protagonisten zu charakterisieren. Durch ihre Sprache wirken die Personen entweder schüchtern oder aggressiv, amüsant oder traurig, provozierend oder nachdenklich. Auch kann der Zuhörer die Protagonisten durch ihre Sprache einem bestimmten sozialen Milieu zuordnen (Diastratik) oder eine bestimmte Situation genau erfassen (Diaphasik).

Diese Aspekte wurden in der vorliegenden Arbeit dargestellt und untersucht. Allerdings ist Renauds Repertoire so groß, dass im Rahmen der Arbeit nur einige ausgewählte Chansons analysiert werden konnten. Viele weitere Chansons, die hier nicht behandelt wurden, bieten sich für weitere Untersuchungen an, so auch die Chansons, die aus diatopischer Sicht geschrieben wurden wie A la belle de mai. Interessant wäre auch zu untersuchen, inwieweit sich Renauds Stil im Laufe seiner Karriere verändert hat. Dieses betrifft zum einen die Themen der Chansons, damit verbunden aber auch die Sprache Renauds.

Nach über 15jähriger Schaffenspause wird im Sommer dieses Jahres Renauds neues Album auf den Markt gebracht. Hier könnte untersucht werden, in welchem Zusammenhang Renauds persönliche Situation mit den Texten seiner Chansons und der sprachlichen Umsetzung steht. Auch die von den Fans erwartete aggressive Seite Renauds, die sich besonders in seiner Sprache manifestiert hat, könnte chronologisch untersucht werden. Dabei können Sprachniveau und Sprachregister analysiert werden, mit denen Renaud seine Personen charakterisiert.

Auch wenn Renauds Chansons ein Bild der französischen Substandardsprache liefern, so dürfen die beschriebenen Phänomene nicht als Regelgrundlage dienen. Es handelt sich um konstruierte Substandardsprache, die bewusst eingesetzt wurde und zuweilen auch übertrieben dargestellt wurde, um bestimmte Typen eindeutig zu charakterisieren. Zwar entsprechen die sprachlichen Kennzeichen auch weitestgehend denen der Realität, aber dennoch ist davon auszugehen, dass die Sprache Renauds bewusste Intentionen unterstützt und folglich auf ein Ziel hin konstruiert wurde.

Sprache verändert sich – ebenso wie die Menschen, die sie sprechen. Interessant wäre zu untersuchen, inwieweit Renaud die französische Sprache beeinflusst hat: Werden Konstruktionen wie nous nous en allerons oder je repartira im Laufe der Zeit als gewöhnlich empfunden oder sogar aktiv verwendet? Dringt argotisches oder vulgäres Vokabular durch Renauds Texte in die akzeptierte Gemeinsprache ein? Diesen Einfluss von Chansons oder anderen weittragenden Medien ist ein weiteres interessantes Forschungsgebiet für die Sprachwissenschaft.

Ich versichere, dass ich diese schriftliche Hausarbeit einschließlich beigefügter Zeichnungen, Kartenskizzen und Darstellungen selbständig verfasst und keine anderen als die angegebenen Quellen und Hilfsmittel benutzt habe. Alle Stellen der Arbeit, die dem Wortlaut oder dem Sinne nach anderen Werken entnommen sind, habe ich in jedem einzelnen Fall unter Angabe der Quelle deutlich als Entlehnung kenntlich gemacht.

 

Bornheim, 3. März 2002

"Caractérisation linguistique des personnages des chansons de Renaud" par Barbara Bungter - Présentation en ligne