2.       Varietätenlinguistik

Da die Sprache nicht nur aus der einen, allgemein gültigen Norm besteht, sondern auch aus verschiedenen Subsprachen, sollen im folgenden Kapitel die unterschiedlichen Betrachtungsweisen und die verschiedenen Register des Französischen dargestellt werden. Die theoretische Einführung in die Varietätenlinguistik dient als Grundlage zur Analyse der Chansons im vierten Teil der Arbeit.

 

2.1   Die Sprache als ein Diasystem

„Dès qu’il y a communauté linguistique, il y a variation“. Mit dieser Aussage erklärt Françoise Gadet (1992, 5) auf einfache Art und Weise die Frage nach Variation in der Sprache. Der Begriff des Französischen ist streng genommen nur eine abstrakte Bezeichnung für einen Typ Sprache mit all seinen Strukturen und Varianten (Müller 1977, 412). Richtiger wäre es, von den Französisch, les français, zu sprechen, um die „Komplexität und Vielschichtigkeit“ (Müller 1975, 5) der Sprache zum Ausdruck zu bringen. Sprache ist kein homogenes System, sondern ein heterogenes Gebilde, ein System von Systemen, also ein Diasystem (Prüßmann-Zemper 1990, 830) oder Polysystem beziehungsweise Makrosystem, das eine Vielzahl von Mono- und Mikrosystemen umgreift (Müller 1977, 412). Laut Ludwig Söll (1983, 285) ist jede historische Sprache immer ein Diasystem mit syntopischen, synstratischen und synphasischen Systemen. Nach Claude Duneton (1998, 7) scheint das Französische im Vergleich zu anderen Sprachen einen besonderen Stand einzunehmen, was die Varietäten angeht:

„La langue française comporte bien des particularités, mais il en est une qui la caractérise presque essentiellement, c’est une variété de registres que les autres langues ne possèdent pas à un degré équivalent.“

 

Sprachliches Handeln ist immer zugleich auch ein fait social und steht folglich immer in Beziehung zu sozialen Konventionen, ist aber auch ein Teil der individuellen Freiheit. Dabei ist selbst die Normsprache, le français standard, nur ein Teil der verschiedenen Arten des Französischen (Müller 1975, 34). Jeder erwachsene Sprecher verfügt über mehrere Codes, Register, die er je nach Situation, Partner und Gespräch anwenden kann (u.a. Söll 1983, 286). „Le français parlé est essentiellement composite“ (Sauvageot 1969, 22). Dabei bestimmen die Lebensumstände wie Herkunft, Bildung, Alter, Beruf, Erfahrung etc. die Menge der zur Verfügung stehenden Register, wobei diese weiter unterteilbar und kombinierbar sind (Söll 1983, 286). Das Gegenwartsfranzösisch ist nach Ludwig Söll (1983, 288) ein „Verbund-System", eine Verflechtung von Sprachregistern“. Mario Wandruszka (1983, 316) spricht hierbei von „Polysystemen mit Varianten“, wobei den Sprechern der soziokulturelle Index der Varianten nicht immer bewusst ist. Dabei resultiert die Verschiedenheit des Französischen nicht aus der Art einer bestimmten Gruppe zu sprechen, sondern aus dem individuellen Gebrauch jedes einzelnen Sprechers (Sauvageot 1969, 17); und da jeder Einzelne Sprache konkretisiert, aber das Individuum nicht konstant im Sprachverhalten ist, ergibt sich eine Vielzahl an Mikrosystemen, also Varianten, in einer Sprache (Müller 1977, 412). Dabei spielen die individuellen Abweichungen und die sprachgestaltende Freiheit eine große Rolle. Die Schwankungen in der Sprache des Einzelnen sind dabei abhängig vom jeweiligen Lebensabschnitt, von der Situation und vom Gemütszustand (Müller 1977, 418).

 

2.2   Die Aufgaben der Varietätenlinguistik

Der erste Ansatz, der sich mit der Verschiedenheit der französischen Sprache befasste, war der Sprachatlas Atlas linguistique de la France (ALF) von Jules Gilliéron und Edmond Edmont zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Damit wurden allerdings nur die diatopischen Varietäten des Französischen, also Dialekte, Patois und parlers erforscht (Müller 1977, 418). Doch wurde das Interesse an der gesprochenen Sprache geweckt, nachdem sich die Linguistik bis dato vorwiegend mit der schriftlich fixierten Sprache befasst hatte. Dabei spielen auch die Verbreitung der gesprochenen Sprache durch Radio und Fernsehen und die dadurch resultierenden neuen Forschungsmöglichkeiten eine Rolle. Die Varietätenlinguistik untersucht die französische Sprache nach Bodo Müller (1975, 35) nach sieben Aspekten: dem chronologischen Aspekt, dem formalen, dem quantitativen, dem diatopischen, dem diastratischen, dem qualitativen und dem normativen Aspekt. Auf diese Art versucht sie, die „multidimensionale Heterogenität“ der natürlichen Sprachen zu erforschen (Blasco-Ferrer 1996, 177). Dabei liegt in der Diastratik-Forschung das Interesse besonders auf den niedrig markierten Varianten, da diese, ursprünglich sozial abgewertet, sich immer weiter in Richtung Norm entwickeln (Blasco-Ferrer 1996, 181). Mit der Erosion der Dialekte des Französischen verliert die diatopische Variante an Gewicht, während die diastratische und die diaphasische Variante die dialektale Armut auszugleichen scheinen (Söll 1983, 285). Die Soziolekte und die Technolekte gewinnen also an Bedeutung, während die Dialekte zerfallen (Wandruszka 1983, 318). Die Varietätenlinguistik untersucht die Varietät der Sprache in Bezug auf die soziale Struktur der Sprachgemeinschaft, abhängig von den jeweiligen Kommunikationsbedingungen (Schmitt 1986, 154).

 

2.3   Berührungspunkt Soziolinguistik

Neben der Varietätenlinguistik befasst sich auch die Soziolinguistik mit den unterschiedlichen Sprachebenen der französischen Sprache. Dabei ist in der Regel der diastratische Aspekt weiter gefasst als in der Varietätenlinguistik, die soziologische Komponente ist stärker betont. Im Unterschied zur Soziolinguistik beachtet die Varietätenlinguistik weitaus mehr Aspekte der Sprachverwendung und hat daher die Darstellung der Sprache unter verschiedensten Aspekten zum Gegenstand. Der Begriff „Soziolinguistik“ stellt nach Christian Schmitt (1986, 125) in gewisser Weise einen Pleonasmus dar, da sprachliches Handeln auch immer gleichzeitig soziales Handeln bedeutet. Die Soziolinguistik bezieht sich auf die sozialen Entstehungsbedingungen von Sprache, die Korrelation von linguistisch-systematischen und außersprachlich-gesellschaftlichen Phänomenen, die soziale Funktion sprachlicher Regeln und die Verwendungsmodalitäten der Sprache (Schmitt 1986, 125). Damit versteht sich die Soziolinguistik als ein Studium der Wechselbeziehungen von Sprache und Gesellschaft, wobei die Ergebnisse der Soziologie und Linguistik miteinander verbunden werden (Pötters/Alsdorf-Bollée 1991, 146). Im Vordergrund stehen der gruppengebundene Soziolekt, der individuelle Idiolekt und der ortsgebundene Dialekt (Blasco-Ferrer 1996, 149). Dabei spielen zum Beispiel besonders die Stadtviertel im Bereich der Stadtdialektologie statt der bisher üblichen Landdialektologie eine wichtige Rolle. Die schichtenspezifische Variation ist besonders wichtig, da Sprachverhalten nicht von sozialem Werturteil getrennt wird. Nicht verkannt wird, ebenso wie bei der Varietätenlinguistik, dass Sprachvariation auch Sprachwandel fördert (Blasco-Ferrer 1996, 152), also die Sprachschichten Einfluss auf die Gebrauchsnorm des Französischen nehmen. Die Soziolinguistik bezieht sich allerdings nicht nur auf die rein linguistische Darstellung. Neben der linguistischen Orientierung stehen die beschreibende Soziolinguistik, die Untersuchungen präsentiert und analysiert, sowie die kritische, theoretische oder ideologische Orientierung, die sich mit weiteren Fragen zur Norm und Orthographie beschäftigt (Gardin 1988, 227). Soziolinguistische Studien zur varietätenlinguistischen Perspektive befassen sich mit den Subsprachen, der Umgangssprache als gepflegter Alltagssprache (langue courante), wobei der Beschreibung der Norm und der Substandardsprachen mit großem Abstand zur Norm besonderes Interesse gewidmet wird. Daneben wird allerdings auch das Verhältnis zwischen Sprache und Nation, Sprache und Politik und Sprache und Religion thematisiert (Holtus 1990, 233).

 

2.4   Die verschiedenen Betrachtungsweisen des Französischen in der Varietätenlinguistik

Nach Bodo Müller (1975) muss die französische Sprache aus verschiedenen Sichtweisen untersucht werden, um die Varietäten innerhalb des Systems zu beschreiben. So lässt sich beispielsweise das français contemporain formal (Schriftform oder mündliche Form), quantitativ (nach der Frequenz der Wörter in Wörterbüchern), diatopisch (in Wechselbeziehungen mit Regionalsprachen und Mundarten), diastratisch (in soziologischer Sicht), qualitativ (Anteile des français cultivé, populaire, familier oder Argots) oder normativ (Verhältnis zur Norm) beschreiben (Müller 1975, 35).

 

2.4.1          Der chronologische Aspekt[1]

Seit 1945 spricht man bei der Beschreibung der französischen Sprache vom français contemporain, dem Gegenwartsfranzösisch. Neben dem Einfluss der neuen Medien wie Radio und Fernsehen spielt die Vereinheitlichung der Gesellschaft eine große Rolle bei der Hervorhebung der gesprochenen Sprache, der langue parlée. Dabei rücken die Sprachebenen der Subnorm immer weiter in den Vordergrund. Weiterhin wird das Register der Fachsprachen ständig erweitert, in den Wortschatz treten Angloamerikanismen (le franglais), und die Diskriminierung der Subnorm wird abgebaut, die Vokabeln des familiären oder populären Registers werden zum Gemeingut. Dabei erweitert das Vokabular das Inventar des persönlichen, emotionalen Ausdrucks im français commun. Im Bereich der Wortbildung sind seit

1945 besonders bestimmte Typen von Abkürzungen beliebt, vor allem solche mit dem Auslaut [-o]: métro, moto, vélo, analog der Bildung im Argot: apéro, prolo, mécano. Auch die Siglenbildung nimmt zu, wie H.L.M., C.A.P.E.S. etc. Des weiteren werden Lexeme aneinandergereiht (cigarette-filtre), wobei auch die Abfolge Determinatum -Determinans durch die Abfolge Determinans -Determinatum nach der englischen beziehungsweise germanischen Kompositionsweise abgelöst wird (autoroute, vidéo-cassette). Insgesamt erfährt die Sprache eine Vereinfachung, Formen wie der subjonctif de l'imparfait oder subjonctif plusque-parfait sind nur noch im besonders gehobenen français cultivé üblich und in der geschriebenen Sprache. Auch im Phonemsystem hat sich das Inventar verkleinert, jüngere Generationen unterscheiden nicht mehr die Vokale, Längen, Doppelkonsonanten und Nasallaute wie ältere Generationen (Müller 1977, 419). Außerdem ist eine Aussprache zu erkennen, die sich der Orthographie angepasst hat, die also dahin tendiert, jeden Buchstaben zu artikulieren. Organisationen der Sprachpflege versuchen, das Französische eigenständig zu halten mit der Reprise vergessener, alter Wörter und mit französischen Neologismen. Insgesamt ist das Gegenwartsfranzösisch durch Ökonomie gekennzeichnet, angepasst an die moderne Lebensart: unregelmäßige Formen werden nicht mehr gebraucht, die Aussprache wird vereinfacht. Pierre Guiraud (1969) spricht von einer Vereinfachung und Homogenisierung des Französischen und nennt diese Sprachform le français avancé.

 

2.4.2          Der formale Aspekt

Unter dem formalen Aspekt versteht man die Unterscheidung zwischen dem phonischen Code und dem graphischen Code. Der erste besteht demnach aus auditiven, der letzte aus visuellen Zeichen. Durch diesen Aspekt lassen sich Unterschiede im Französischen erfassen, die durch die diastratische, diaphasische oder diatopische Differenzierung nicht erfasst werden können (Söll/Hausmann ³1985, 34). So ist das Fehlen des passé simple nicht abhängig vom Sprachregister français familier, populaire oder régional, sondern allein ein Kennzeichen gesprochener Sprache (Söll/Hausmann ³1985, 34). Auch für Günter Holtus liegt der Schwerpunkt bei der Betrachtung des Französischen als langue type auf der Unterscheidung zwischen gesprochenem und geschriebenem Französisch (Holtus 1978, 161). Traditionell wird Sprache mit dem Geschriebenen indentifiziert. Dabei ist die geschriebene Sprache eine Übersetzung der gesprochenen Sprache in ein visuelles Zeichensystem. Bei den Systemen handelt es sich um „Medien ungleichen Ranges“ (Müller 1975, 57) „...qui tendent de plus en plus à se différencier“ (Le Bidois 1964, 6). Sprechen ist dabei nach Malcolm Offord (1990, 102 ff.) ein natürliches, primäres Medium, während Schreiben und Lesen gelenktes Lernen erfordern und künstlich gelernt werden (Le Bidois 1964, 6). Unterhalb der Normebene wird der Abstand zwischen gesprochener und geschriebener Sprache immer größer, zu Ausfällen von Phonemen kommen noch Ausfälle von Silben und ganzen lexikalischen Einheiten. Der Satz je ne sais pas, komplett ausgeschrieben im graphischen Code, variiert im phonischen Code von [nsEpa] bis hin zu [Spa] im français populaire (Müller 1975, 69).

 

2.4.2.1                Das geschriebene Französisch

Das geschriebene Französisch hat gegenüber dem gesprochenen den Vorteil, dass es keine Homophonien gibt, deren Bedeutung sich erst aus dem Kontext eindeutig bestimmen lässt. Dafür ist die Determinierung im geschriebenen Französisch aufwendiger und redundant. Die Einheit leurs professeurs und leur professeur ist phonetisch identisch, schriftlich aber eindeutig differenziert (Offord 1990, 104). Auf lexikalischer Ebene nähern sich die beiden Codes weiter an, da auch mots familiers, populaires, argotiques, vulgaires, grossiers und obscènes verschriftlicht werden können. Durch die literarischen Werke von Ferdinand Céline und Raymond Queneau sowie die Darstellung der Wirklichkeit im Realismus mit Hilfe der Verschriftlichung der gesprochenen Umgangssprache dringt die gesprochene Sprache in die geschriebene ein. Allerdings haben Céline und Queneau keine Reform des français écrit ausgelöst. Sie haben allein verdeutlicht, dass es auch eine andere Art Französisch gibt, nämlich das français parlé und das français populaire (Söll 1983, 292). Dieses lässt sich auch an den schriftlich fixierten Liedtexten von Renaud Séchan feststellen. Auch die Massenunterhaltung in Medien und Magazinen greift auf die gesprochene Sprache zurück. Dennoch findet bei der schriftlichen Form grundsätzlich eine sorgfältigere Wortwahl statt, Kraftwörter werden gemieden und Gliederungssignale der gesprochenen Sprache wie alors, eh bien, bon verlieren hier ihre Wirkung (Müller 1975, 75).

 

2.4.2.2                Das gesprochene Französisch

Da gesprochene Sprache immer von außersprachlichen Bedingungen beeinflusst ist, muss die Sprache möglichst einfach sein. Die gesprochene Sprache ist meistens spontan (Ausnahme: vorbereitete Reden), also muss sie klar und leicht zu verstehen sein (Marouzeau 1983, 118). Dem Hörer bleibt weniger Zeit zur Entschlüsselung des Gesagten als dem Leser bei der Umsetzung der Strukturiertheit des Geschriebenen. Im gesprochenen Französisch sind die Sätze meistens kurz, sie werden abgebrochen und mit Gesten erweitert, Interjektionen sind sehr häufig (u.a. Prüßmann-Zemper 1990, 840). Des weiteren bieten sich die Möglichkeiten der Intonation, des Sprechtempos, der Stimmqualität und der Lautstärke, um die Aussagen zu gliedern (Söll/Hausmann ³1985, 54). Komplizierte, verschachtelte Sätze stellen eine Ausnahme dar, auch schwierig zu bildende Zeiten wie das passé simple oder der subjonctif de l‘imparfait werden im gesprochenen Französisch durch das passé composé oder das Präsens abgelöst. Während sich im gesprochenen Französisch häufig Wörter und Sätze wiederholen, ist der Wortschatz im geschriebenen Französisch durch die längere Reflexionszeit reichhaltiger und variabler (Prüßmann-Zemper 1990, 840 und Söll/Hausmann ³1985, 64). Das gesprochene Französisch ist hingegen subjektiv gekennzeichnet, also sprecherbezogen. Interjektionen, häufiger Gebrauch von Pejorativa, Meliorativa und der allgemein familiäre Zug in den Äußerungen, darunter auch Vulgarismen, Kraftwörter und bildhafte Wendungen, sind typisch für die gesprochene Sprache (Söll/Hausmann ³1985, 60 f.).

 

2.4.3          Der quantitative Aspekt

Dieser Aspekt wird nur der Vollständigkeit halber kurz angeschnitten, für die anschließende Analyse der Persönlichkeitsdarstellung in Renauds Chansons spielt diese Differenzierung kaum eine Rolle. Nach Bodo Müller (1975, 90 ff) fallen unter den quantitativen Aspekt die analysierbaren Segmente der Sprache, die absolute Zahl der Segmente und der möglichen Kombinationen sowie die Ausnutzung im faktischen Gebrauch. Dabei unterscheidet man nach dem Ökonomieprinzip, also dem geringsten Aufwand, und dem Diversifikationsprinzip, sprich der variablen Gestaltung des Ausdrucks und der individuellen sprachlichen Freiheit, die Möglichkeiten des Systems zu nutzen. Die Frequenz aber, also der Häufigkeitsrang eines Wortes, gibt keine Auskunft über den Grad der Gegenwärtigkeit oder die Disponibilität. Hingegen indizieren extreme distributionelle Gegensätze subsprachliche Register außerhalb der Gemeinschaftsnorm (Müller 1975, 91).

 

2.4.4          Der diatopische Aspekt

Der diatopische Aspekt hat im französischen Sprachraum an Bedeutung verloren und spielt bei der Analyse von Renauds Liedtexten nur eine geringe Rolle. Allerdings ist Renaud selbst auch an den verschiedenen diatopischen Varietäten des Französischen interessiert. Nach den Dreharbeiten zu Claude Berris Verfilmung Germinal nach dem gleichnamigen Roman von Emile Zola, in dem Renaud die Rolle des Minenarbeiters Etienne Lantier spielt, hat Renaud ein Album im nordfranzösischen Dialekt, en ch’timi, aufgenommen: Renaud cante el‘ Nord (Virgin 1993). Später folgt noch ein Chanson im Marseiller Dialekt: A la belle de mai (Virgin 1994). Sicherlich haben auch Renauds biographischen Verbindungen zu diesen beiden Regionen Frankreichs sein Interesse an den Dialekten gefördert (seine Mutter stammt aus dem Norden, sein Vater aus dem Süden Frankreichs).

Bei den diatopischen Abweichungen unterscheidet man zwischen Akzent (minimale phonetische Abweichungen von der Norm), Patois (mühsame Verständigung wegen großer Abweichungen) und dem Regionalfranzösischen (mit großer Bandbreite von fast normgerecht bis stark abweichendem Französisch), (Prüßmann-Zemper 1990, 831). Strikt linguistisch gesehen sind Regionalsprachen vollständige sprachliche Systeme, die nur durch extralinguistische Faktoren wie Prestigebarrieren und geographische Begrenzung schlechter angesehen werden als das français commun. Noch schlechteres Ansehen wird den Dialekten und parlers zugesprochen. Dabei sind sich Dialektsprecher der Unterschiede zum Normfranzösisch bewusst, während Regionalfranzösisch-Sprecher oft unbewusst von der Norm abweichen (Müller 1975, 127). Allerdings haben die Dialekte in Frankreich an Stärke durch die allgemeine Schulpflicht, Militärdienst und Allgemeinbildung (zivilisatorische Kräfte) und durch die soziologischen Kräfte wie Medien, Telefon und Verstädterung (Müller 1975, 133) verloren, während das français commun immer weiter verbreitet wird. Statt der Opposition rural -urbain steht heute die Opposition zwischen den sozialen Milieus im Vordergrund (Désirat/Hordé 1976, 17). Auch psychologische Zwänge spielen beim Verschwinden der Dialekte eine Rolle, da diatopische Varietäten ein niedriges Ansehen haben (Söll 1983, 290). Regionalfranzösisches Vokabular taucht heute noch als Element in der Gemeinsprache auf, für bestimmte regionabhängige Fachbegriffe wie zum Beispiel aus der Gastronomie.

 

2.4.5          Der diastratische Aspekt

Da Sprache immer auch ein soziokulturelles Phänomen ist, also grundsätzlich auch an die Gemeinschaft gebunden (Müller 1975, 135), ergeben sich auch in den unterschiedlichen Schichten und Bereichen der Gesellschaft Besonderheiten in der Sprache. Der Einzelne hat in der Sprachgemeinschaft teil an verschiedenen Klein- und Großgruppen mit ihren jeweiligen gruppenspezifischen Sprachregistern, die sich gegeneinander und gegenüber der langue commune abheben (Müller 1977, 414). Das jeweilige gruppenspezifische Register gehört zur sozialen Identität des Sprechers (Müller 1977, 414), was auch in Renauds Chansons deutlich zum Tragen kommt. Gruppensprachen (mögliche Bereiche sind Sport, Hobbys, Politik, Familie) und Fachsprachen nehmen immer weiter zu, während die Dialekte verschwinden. Der Begriff „Gruppensprache“ umfasst das Spezialfranzösisch der Berufsgruppen und das Register der schichtneutralen Subsprachen (Prüßmann-Zemper 1990, 832) von Gruppen quer durch die ganze Bevölkerungsschicht (Frauen, Kinder, Männer, ältere Generationen, die Zwanzigjährigen, Städter etc.). Dazu gehören demnach die Berufssprachen wie die langue technique (Fachsprache mit technischem Bezug), die langue de spécialité (Fachsprache ohne technische Komponente), der Argot in all seinen modernen Ausführungen und die weiteren sozialen oder gruppenspezifischen Varietäten, die Soziolekte (Prüßmann-Zemper 1990, 832). Bei der Untersuchung der geschlechtsspezifischen Registerunterschiede lässt sich feststellen, dass Frauen eher zur Gemeinsprache hin tendieren, Dialekte vermeiden und sich qualitativ besser ausdrücken als Männer. Vulgäres und obszönes Vokabular wird gemieden. Allerdings lässt sich auch als neue Tendenz feststellen, dass Frauen eine betont lässige Sprache, gespickt mit Vulgarismen, verwenden als Zeichen der Emanzipation (Prüßmann-Zemper 1990, 833). Bodo Müller (1977, 417 f) stellt darüber hinaus fest, dass die geschlechtsspezifischen Unterschiede abflachen und sagt für die Zukunft ein fast völliges Verschwinden der Unterschiede voraus.

In Bezug auf die Generationen ist die ältere Generation sprachlich eher konservativ, das heißt es finden sich viele Archaismen im Wortschatz sowie eine differenziertere Aussprache, während die jüngere Generation eher innovativ wirkt und mit vielen Neologismen und dem franglais den Wortschatz verändert und erweitert (u.a. Gilbert 1969, 43). Dabei hat die jüngere Generation die qualitativen Schranken zu Argot und dem français populaire abgebaut, gewisse Ausdrücke aus diesen Register sogar in Mode gebracht (Müller 1977, 419).

Unterschiede der Soziolekte und Fachsprachen zur Gemeinsprache finden sich hauptsächlich in der Lexik. Phonetik, Syntax und Morphologie weisen weniger Abweichungen auf (Prüßmann-Zemper 1990, 832). Die Zugehörigkeit zu einer sozialen Schicht wird bestimmt von Faktoren wie Familie, Schule, Bildung, Beruf und Einkommen. Dabei kann man die Tendenz feststellen, dass Sprecher aus höheren Schichten differenziertere Sprachmöglichkeiten aufweisen und das höhere Sprachprestige genießen, niedrige Varianten aber der sozialen Stigmatisierung dienen und als nicht norm-konformer Gebrauch angesehen werden (Blasco-Ferrer 1996, 180). In der Metropole Paris lässt sich ein sprachliches wie soziales Gefälle besonders zwischen dem 16., 17. und 8. Arrondissement im Westen der Stadt und den Arbeiterfaubourgs im Osten der Stadt feststellen. Im Osten hört man das Pariser français populaire, wohingegen im Westen das Französisch der Übernorm vorherrscht (Müller 1975, 147), was sich auch an einer teilweise affektierten, snobistischen Aussprache in diesen quartiers manifestiert (Péla 1969, 31). Von Quartier zu Quartier sind spezifische Unterschiede auszumachen.

 

2.4.6          Der qualitative Aspekt

Die verschiedenen Register des Französischen werden in „gutes“ oder „schlechtes“ Französisch eingeteilt, nach subjektivem oder von den Kulturträgern gesteuertem Empfinden. Der Richtpunkt ist dabei die Entfernung des Registers zur festgelegten Norm, auf die wir in Kapitel 2.4.7 zu sprechen kommen. Eine Aussage kann je nach Wahl des Registers auf verschiedene Weise formuliert werden, wobei sie variiert in Grammatik, Idiomatik, Aussprache und Vokabular. Qualitative Register fungieren in der heutigen Zeit allerdings nicht mehr als soziale Kennzeichnungen, sondern als „sozio-kulturelle Auflagen“ (Müller 1975, 187) für die unterschiedlichen Sprechsituationen. Dabei beginnen die Grenzen zwischen den qualitativen Registern zu verwischen, eindeutige Trennungen sind kaum möglich. Viele Wörter aus niedrigen Registern sind im Laufe der Zeit in das neutrale français commun aufgestiegen (Müller 1975, 190). Unterschieden werden das über der Norm stehenden français cultivé, die Norm, das français courant (ususel, contemporain), das français familier, das français populaire und das français vulgaire (argotique). Dabei liegt die Norm zwischen dem français cultivé und dem français courant (Müller 1975, 184).

 

2.4.7          Der normative Aspekt

2.4.7.1 Der geschichtliche Hintergrund

Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts war der Begriff des Französischen eindeutig: er bezeichnete die Norm der Sprache, den bon usage. Dieser waren die Sprache des Hofes und die von den Klassikern verwandte langue littéraire, die von Grammatikern und Lexikographen im 17. Jahrhundert kodifiziert wurde (Müller 1975, 23 und 235). Dabei wurde im 12. Jahrhundert auf diatopischer Ebene dem Dialekt des Franzischen der Vorrang gegeben und im 17. Jahrhundert auf diastratischer Ebene dem Sprachgebrauch des französischen Hofes und der Oberschicht von Paris. Diese Normierung entsprach nicht dem tatsächlichen Gebrauch, sondern nur dem einer kleinen Minderheit (Müller 1975, 235f). Das Standardfranzösisch ist also der Sprachgebrauch einer Klasse einer bestimmten Epoche (Guiraud 1969, 25). Die normierte Sprache konnte sich wegen der Fixierung nicht weiter natürlich entwickeln (Gadet 1992, 6), „l’évolution se trouve bloquée“ (Guiraud 1969, 25). Die Norm zeigt sich als ein „über dem Durchschnitt liegendes Diasystem, das sich synchronisch nicht bestimmen läßt“ (Schmitt 1986, 130).

Der Abstand zwischen der tatsächlich gesprochen Sprache, dem usage, und der festgelegten Norm, dem bon usage, wird immer größer. Organismen zur Sprachpflege entstehen, der Staat greift in die Entwicklung der Sprache ein und gibt Listen mit empfohlenen Neologismen heraus, verbannt die Angloamerikanismen aus der Öffentlichkeit. So soll es keine hit-parade mehr im Radio geben, sondern den palmarès de la chanson (Müller 1975, 28 f). Diese Normierung hat auch ideologische Aspekte: Die Ersetzung von Angloamerikanismen durch Neologismen französischer Basis soll die nationale Kraft demonstrieren. Neben Sprachästhetik und Traditionspflege steht somit auch das politische Streben nach Demonstration von Unabhängigkeit und Eigenständigkeit Frankreichs im Vordergrund (Müller 1975, 218). Inwieweit Renaud sich diesen nationalen Vorschriften fügt, wird ebenfalls im Laufe der Arbeit besprochen.

 

2.4.7.2                Die absolute oder präskriptive Norm

Die Norm soll als Richtmaß und Vorschrift fungieren und für Konformität sorgen, sie steht für die Allgemeinverbindlichkeit und größtmögliche Verständigung (u.a. Offord 1990, 16). Sie hat ihr spezifisches Regelsystem und ist für die Sprachgemeinschaft verbindlich (Müller 1975, 232). Normwidrige Sprachverwendungen werden aus einem verengten linguistischen Bewußtsein als „Ce n’est pas français“ abgestempelt. Das Standardfranzösisch wird assoziiert mit gutem, korrektem Französisch, mit der Varietät des gebildeten Franzosen, ist also „... the variety which has received the official imprimatur and carries the highest degree of prestige...“ (Offord 1990, 16). Strikt linguistisch gesehen, ist aber die absolute Norm auch nur ein Subregister neben den anderen Subregistern (Müller 1975, 220), sogar mit Mängeln (Müller 1975, 238), was die Orthographie anbelangt, sowie die Berufsbezeichnungen und Titel für Frauen. Viele Regelungen gelten alternativ oder pluralistisch, viele Fälle sind offen (Müller 1975, 239). Die absolute Norm unterscheidet sich nur hinsichtlich der Verbreitung (sie ist überlokal, überregional und international, sie gilt also an jedem Ort), ihrer panstratischen, also schichtneutralen Geltung und ihrer weitgehend panchronischen Geltung. Allerdings bringt diese panchronische Geltung auch das Problem mit sich, dass die präskriptive Norm veraltet wirkt, während aus den häufig gebrauchten Registern starke Innovationsschübe kommen (Müller 1975, 239). Grundlage dieser Norm ist ein „Sprachsystem aus der Vergangenheit“ (Müller 1975, 240).

Malcolm Offord (1990, 41) sieht im Standardfranzösisch die wichtigste Variante des Französischen, erkennt aber auch, dass diese zwar schriftlich am weitesten verbreitet ist, aber nur von einer sehr begrenzten Sprecherzahl gesprochen wird.

Heute steht diese Norm unter dem Druck der anderen subsprachlichen Register wie dem des français populaire, des français familier und der gesprochenen Sprache generell. Die Kluft zwischen der präskriptiven Norm und der Gebrauchsnorm wird also immer größer (Müller 1975, 220), zumal sich letztere hauptsächlich auf die gesprochene Sprache bezieht, die erste aber eng an die geschriebene Sprache gekoppelt ist. Norm und Schriftsprache sind synonym (Müller 1975, 220).

 

2.4.7.3                Die statistische Norm

Die Regularitäten und die Realisierung der statistischen Norm sind alleine von der Gemeinschaft bestimmt, von der überindividuellen sprachlichen Wirklichkeit, also vom momentanen Sprachgebrauch (Müller 1975, 228). Daher wird diese Norm auch als Gebrauchsnorm oder Istnorm bezeichnet. Sie betrifft das français commun, wobei sich die Sprecher auch an Untergruppen und deren Mustern orientieren. Die Sprachform des français commun reguliert sich selbst, es ist die Sprachform, die in der Sprachgemeinschaft mehrheitlich praktiziert oder als allgemein „normal“ und verbindlich angesehen wird (Müller 1975, 229). Dabei beschränkt sich diese Norm nicht auf ein bestimmtes Register; jede Ebene und jede Sprachgemeinschaft hat ihre statistische Norm. Es ergeben sich Divergenzen zwischen der statistischen und der präskriptiven Norm, besonders im Wortschatz. Dominiert in der einen die Lexik der Geschichte, sind in der anderen die Wörter des Augenblicks und der aktuellen Verständigung vorrangig. So greift die statistische Norm formend und verändernd in die Sprachentwicklung, während die präskriptive Norm eher veraltet wirkt (Müller 1975,228 ff). Nach Bodo Müller (1975, 243) soll die statistische Norm zum „Parameter der präskriptiven Norm“ werden, so dass sich die Idealnorm und die Istnorm in einem „Gemeinfranzösisch von morgen“ wiederfinden. Auch Zygmunt Marzys (1974, 11) fordert:

„Loin donc des préscriptions des puristes, libérons le locuteur [...] des contraintes du bon usage et laissons-le parler sa langue naturelle!“

 

Helmut Hatzfeld (1962, 42) hingegen zeigt sich als wahrer Purist und verdammt jegliche Neuerung, die in die französische Standardsprache eindringt und den Klang der Sprache verletzt („...néologismes qui heurtent [...] l’euphonie du français“) und er beklagt weiterhin die „déformation des mots [...], la dérivation nominale, confusion de sens et caprices de modes.“ Aber der Purismus wird die natürliche Sprachentwicklung nicht aufhalten können, was schon an den Tendenzen des Gegenwartsfranzösisch abzulesen ist.

 

2.4.7.4                Die relative Norm

Bei allgemeiner Verständigung wird das Register der Situation entsprechend gewählt. Dieses gewählte Register fungiert in diesem Zeitraum und in dieser Situation dann als Augenblicksnorm, als relative Norm (Müller 1975, 217).

 

2.4.7.5                Die Krise der französischen Sprache

„Keine Sprache wurde derart perfektioniert und reglementiert wie das Französische. Vielleicht ist die Krise der unvermeidliche Preis für dieses Übermaß an Kontrolle“, gibt Ludwig Söll (1983, 285) zu bedenken. Dass einige Register schockierend wirken, andere hingegen als besonders gewählt empfunden werden, obwohl es sich linguistisch gesehen um eigenständige, gleichberechtigte Systeme handelt, hängt von der großen Diskrepanz zwischen Schriftfranzösisch und gesprochener Sprache ab, also zwischen Norm und tatsächlichem Gebrauch. Mit der Veränderung der Gesellschaft im 19. und 20. Jahrhundert hat sich auch die Sprache verändert. Gleich einer Demokratisierung setzt sich auch die Sprache eines „pluralistischen Durchschnitts“ (Müller 1975, 30) durch, eine normtragende Oberschicht verliert an Einfluss. Selbst in der Literatur gewinnt die Umgangssprache, also das français familier, français populaire, français vulgaire und der Argot an Stellenwert, um die Wirklichkeit mit Hilfe der gesprochenen Sprache wiederzugeben (Müller 1975, 31). Da das tradierte, als Norm empfundene Französisch eine Schriftsprache ist und sich nicht weiterentwickelt, wird die Schere zwischen geschriebenem und gesprochenem Französisch immer größer, die mündliche Umgangssprache wird immer bedeutender (Müller 1975, 32). „C’est la rigidité de sa norme traditionnelle qui crée la tension entre cette norme et l’usage“ (Zygmund Marzys 1974, 11). Das konventionelle Französisch ist nicht im Volk verwurzelt und hat keine besondere Beziehung zu einem bestimmten Gebiet, es ist das alte Französisch der Literatur und der Aristokratie. Das ist für Claude Duneton (1998, 35) der Grund, weshalb das Französische ins Schwanken gerät: „Cette caractéristique, qui a fait la grandeur et le rayonnement international de notre langue est aujourd’hui la cause de sa fragilité.“ Die Krise der französischen Sprache lässt sich nur beheben, wenn sich die Einstellung zur Sprache ändert und nicht die Sprache selbst. Sprachwandel erscheint nur dann als Sprachverfall, wenn versucht wird, die Sprache wegen des damit verbundenen Prestiges auf dem literarischen Stand des 17. Jahrhunderts zu halten (Söll 1983, 283). Als System ist die französische Sprache keinesfalls in einer Krise. Doch werden Eigenheiten der gesprochenen Sprache vom Standpunkt des geschriebenen Französisch als Fehler bewertet.

 

2.4.8          Der diaphasische Aspekt

Lässt Bodo Müller (1975) den diaphasischen Aspekt in der Varietätenlinguistik fast unbeachtet, so spielt dieser Parameter dennoch eine besonders wichtige Rolle bei der Beschreibung des Französischen. Dabei richtet sich das Interesse auf die bewusste Auswahl eines Sprachregisters. Mit Hilfe der situationsbedingten und zielgerichteten Verwendung der verschiedenen Register kann zum Beispiel Nähe oder Distanz zum Gesprächspartner aufgebaut werden; so schafft ein hoch markiertes Register Formalität, während ein niedriges Register Vertrautheit ausdrückt (Koch/Oesterreicher 1990, 8 ff. u.a.). Dabei sind einige Register altersbedingt oder teilweise Gruppensprachen, was mit der diastratischen Betrachtungsweise zusammenspielt. Unter diesen Aspekt fallen beispielsweise die Jugendsprachen, auf die im Kapitel 2.5.6 noch genauer eingegangen wird.

Besser als von Schichtunterschieden spricht man bei der diaphasischen Betrachtung von Stilunterschieden (Prüßmann-Zemper 1990, 835). Auch Zygmunt Marzys (1974,12) gibt klar der Situation den Vorrang bei der Auswahl des Registers:

„La règle à élaborer et à inculquer au sujet parlant est celle de l’adéquation de l’expression au contexte et aux circonstances.“ Dem Sprecher stehen also mehrere Stilniveaus zur Verfügung, unter denen er eine Auswahl trifft. Statt also heute noch nach Gesellschaftsklassen und deren spezifischem Sprachgebrauch zu gliedern, empfiehlt sich eine Gliederung nach situativen, diaphasischen Sprachregistern (Prüßmann-Zemper 1990, 835). Dabei soll das Register der Situation angemessen sein. Allerdings lässt sich eine Beziehung zum Sozialgefüge nicht abstreiten: die unteren Schichten, mit einer geringeren Grundbildung und einem anderen sprachlichen Umfeld, sind weniger frei in der Registerwahl, weil ihnen nur eine begrenzte Anzahl an Registern zur Verfügung steht (Prüßmann-Zemper 1990, 835), während die oberen Schichten die Möglichkeiten der Sprache und die Affinitäten freier ausnutzen können. Der Gebrauch der Register hängt in weitaus größerem Umfang von der Kommunikationssituation und der Funktion des Gespräches ab und weniger von der Herkunft des Sprechers (Guiraud 1969, 23). Unter dem diaphasischen Aspekt gibt es kein gutes oder schlechtes Französisch, sondern nur ein richtig oder falsch gewähltes Register (Prüßmann-Zemper 1990, 835). Aus diesem Grund empfehlen zum Beispiel Autoren registerspezifischer Wörterbücher Ausländern, auch wenn sie recht stabile Grundkenntnisse haben, vorsichtig in der Wahl besonderen Vokabulars oder besonderer Aussprachevarianten zu sein, da ein falsch gewähltes Register in der jeweiligen Situation recht unangenehme Folgen hervorrufen kann:

„Il faut seulement observer, repérer – mais ne jamais s’essayer à l’étourdi à réemployer ces mots soi-même, sous peine de créer un choc à ses interlocuteurs, voire de se placer dans une situation embarrassante“ (Duneton 1998, 12).

 

 

2.5               Die Register des Französischen

Eine klar strukturierte und unabhängige Darstellung der französischen Register ist kaum möglich, da sich die Register nicht klar voneinander abgrenzen lassen. Dennoch soll versucht werden, die wichtigsten Charakteristika der verschiedenen Formen des Französischen zu beschreiben. Dabei darf die Beschreibung nicht als eine Art ‘Gebrauchsanweisung‘ für die verschiedenen Register verstanden werden. Viele der im folgenden beschriebenen Merkmale werden sich in Renauds Liedtexten wiederfinden.

 

2.5.1          Das français courant (commun)

Unter dem français courant (oder commun, usuel, moyen, zéro) versteht man das gebräuchlichste, gängigste Französisch, also ein Durchschnittsfranzösisch. Dabei handelt es sich allerdings nicht um einen mathematischen Durchschnitt, sondern um einen von der Mehrheit der Sprecher empfundenen Durchschnitt, also das Französisch, das von der Mehrheit gesprochen und als normal und verbindlich eingestuft wird (Prüßmann-Zemper 1990, 830). Diatopisch lässt sich dieses Französisch der Metropole der Ile-de-France und dem Zentrum zuordnen, diastratisch betrachtet gehört es aber keiner bestimmten sozialen Gruppe an. Dieses durchschnittliche français courant dient als Richtschnur, als Norm und ist allgemein anerkannt. Dabei ist diese Norm nicht präskriptiv, sondern es handelt sich um ein von der Gemeinschaft der Sprecher bestimmtes Subsystem, das als Norm empfunden wird, es ist commun, aber nicht Standard (Lagane 1969, 11). Entscheidend hierfür ist der tatsächliche Sprachgebrauch, der usage. Das français commun ist eine Varietät des Französischen neben den anderen, streng gesehen auch ein Nicht-Norm-Register, das allerdings nicht als Abweichung von der Norm empfunden wird. Daher bietet es nur eine Orientierungshilfe, es gilt nicht als Maßstab mit Absolutheitsanspruch. Durch das français commun gelangen viele Neologismen und Modewörter, die von der Norm ignoriert werden, in den gemeinsprachlichen, akzeptierten Bereich, so auch Aufsteiger aus den populären und vulgären Registern sowie aus anderen Substandardvarianten (Prüßmann-Zemper 1990, 831). Somit bildet das français commun ein alles in allem varietätenreiches Ensemble: „Le français commun, c’est la somme de ces larges aptitudes à l’intercompréhension sous des formes linguistiques diverses“ (Lagane 1969, 11).

 

2.5.2          Das français familier

Das français familier steht der Norm näher als das français populaire (Prüßmann-Zemper 1990, 838), wobei es allerdings nicht über, sondern neben diesem Register steht (Schmitt 1986, 169). Es ist das Register der zwanglosen Unterhaltung in der Familie, im Beruf und im Alltag, das eine lockere Atmosphäre und persönliche Nähe schafft (Prüßmann-Zemper 1990, 838) und die Qualität der Beziehung der Gesprächspartner ausdrückt (Schmitt 1986, 169). Dabei lässt sich keine gravierende Distanz zum ‘guten‘ Französisch feststellen. Es handelt sich vielmehr um ein français parlé, das nicht soziologisch gebunden ist. Für den öffentlichen Verkehr oder für die Unterhaltung mit höher gestellten Personen ist dieses Register nicht geeignet. Bodo Müller (1975, 204) bezeichnet das français familier als ein durch die Erziehung und das Sprachbewußtsein „veredeltes français populaire“, und Claude Duneton (1998, 24) definiert es folgendermaßen: „Celui qui est toléré, à la rigeur, dans une conversation scolaire, mais fermement rejeté à l’écrit“. Das français familier ist typisch situationsbedingt, aber schichtindifferent, es ist das Register der Spontaneität und des Affektes („c’est le registre du quotidien, de la spontanéité“), (Duneton 1998, 8), wobei gerade der Affekt („infiniment plus chargé d’affectivité que le registre du français conventionnel“), (Duneton 1998, 32) eine wichtige Rolle spielt:

„En vérité, le français familier joue dans la langue le rôle d’un dialecte, avec tout ce qui s’attache de connivence, voire d’émotion, à un parler de terroir qui porte toujours un parfum d’enfance“ (Duneton 1998, 33).

 

Lexikalisch zeichnet es sich durch Reduplikationsbildungen wie in der Kindersprache aus (bébête, kif-kif) und durch Abkürzungen wie le croco (le crocodile), le frigo (le frigorifique), le pull (le pullover), la télé (la télevision). Typisch ist auch die spezifische Verwendung gemeinsprachlicher Lexeme (sous – argent, boule – tête). Auch eine bild- und vergleichsreicher Ausdrucksweise zeichnet das familiäre Register aus, darunter auch viele Metaphern aus dem Tierreich für Personen (cheval für eine unermüdliche Person). Besonders auffällig sind auch die Doppelung oder der Ersatz von Intensivadverbien wie très très froid, il travaille beaucoup beaucoup oder vachement, drôlement, formidablement (Müller 1975, 208 und Prüßmann-Zemper 1990, 838). Neologismen im français familier entstehen durch Derivation (Suffigierung beispielsweise mit dem pejorativen Suffix –ard,e), durch Diminutivbildung mit den Suffixen –et/-ette, -ot/-otte, -on/-onne, durch die oben genannten Reduplikationsformen und Abkürzungen. Das français commun hat diese Wortbildungsverfahren übernommen (Prüßmann-Zemper 1990, 839). Auch Aufstiegswörter aus dem français populaire oder dem Argot finden sich mittlerweile im français familier wieder, wie flic für policier oder fric für argent (Duneton 1998, 21). Im Bereich der Syntax lässt sich ein durch Spontaneität, Expressivität und Subjektivität geprägter Satzbau feststellen, der sich durch dislocation (Pierre il chante) sowie durch présentatifs (C’est Pierre qui chante) auszeichnet, wodurch auch bestimmte Satzteile hervorgehoben werden (Prüßmann-Zemper 1990, 838).

 

2.5.3          Das français populaire

Das français populaire, als das subsprachliche Register, das von der Masse der Franzosen getragen wird, ist eine komplette Sprache in der Sprache, mit eigengesetzlichen Regularitäten (Müller 1975, 194 f). Es ist, wie das français familier, nicht auf eine bestimmte Klasse oder Bevölkerungsgruppe eingrenzbar, im Mittelpunkt stehen jedoch die mittleren und unteren Schichten (Prüßmann-Zemper 1990, 837). Für Pierre Merle (1997, 31) liegt es zwischen dem Argot und der langue familière. Allerdings ist das Ansehen dieses Register durch viele negative Vorurteile beeinflusst, es wird als schlecht, aber natürlich eingestuft (Gadet 1992, 20). Wie der Argot ist das français populaire eine Sprachschicht, in der sich Kreativität und Freude an der Sprache ausdrücken. Aus dieser Sichtweise lassen sich auch die verschiedenen, zum Teil überflüssig erscheinenden Wortbildungen erklären. Der Übergang zwischen dem français familier und dem français populaire ist fließend, wenn er überhaupt existiert (Gadet 1992, 122). Auch Claude Duneton (1998, 21) möchte nicht zwischen den beiden Registern unterscheiden: „C’est par un abus de langage que l’on utilise encore, par une sorte d’inadvertance, l’expression français populaire.“

 

2.5.3.1                Morphologische und syntaktische Besonderheiten

Das français populaire zeichnet sich morphologisch und syntaktisch unter anderem aus durch das Fehlen des Personalmorphems vor Verbformen (faut, y a), durch den spontanen Einsatz von être oder avoir bei zusammengesetzten Zeiten (je suis été, je m’ai trompé), mangelhafte Beachtung des accord (elle s’est plaint), Markierung des Besitzes mit à statt de (le fils au boulanger) und durch das polyfunktionale que, das als Relativum (l’homme que je pense statt auquel) oder als Konjunktion (il est venu que j’étais malade statt pendant que) fungieren kann. Oft wird auch der Artikel nicht mit der Präposition verbunden: statt au hört man à le (Gadet 1992, 67). Außerdem wird der subjonctif de l‘imparfait nicht mehr verwendet und die Verneinung wird vereinfacht (pas statt ne...pas), was Ludwig Söll aber als allgemeines Zeichen der gesprochenen Sprache ansieht (sh. Kapitel 2.4.2). Die Verneinung kann aber auch durch andere Ausdrucksformen wie pas un clou, pas un flèche, pas un radis oder auch einfach nur des clous, que dalle, la peau (Gadet 1992, 78 f) variiert werden. Sind für bestimmte Wörter keine Femininformen vorhanden, werden diese im français populaire gebildet, so wie rigolo – rigolote, typesse, gonzesse, chefesse (Gadet 1992, 59). Die Pronomen sind immer kurz und tauchen in unterschiedlichen phonetischen Varianten auf. Je wird verkürzt zu <j‘> [S] oder [Z], tu zu <t‘> [t] vor Vokal, il zu <y> [i] vor Konsonant, elle zu <l‘> [l] vor Konsonant und il zu <l‘> [l] vor Vokal. Die meisten Varianten treten aber bei lui auf, das [lçi], [çi], [ç], [i], [j], [ij], [çij] ausgesprochen wird (Gadet 1992, 63). Viele dieser Varianten findet man auch in Renauds Chansons.

 

2.5.3.2                Phonetische Besonderheiten

Im Bereich der Phonetik wird die Aussprache weit vereinfacht, das e caduc fällt soweit weg, wie es artikulatorisch möglich ist, konsonantische Gruppen werden verkürzt oder assimiliert und die Unterscheidung der Nasallaute [ã][2] und [)] verliert sich zu Gunsten des o-Nasals. Die Aussprache ist gekennzeichnet durch eine „paresse articulatoire“ nach dem Prinzip des „moindre effort“ (Gadet 1992, 19). Aber auch Hyperkorrektismen, zum Beispiel die falsche Liaison moi-z-aussi nach dem Vorbild nous aussi sind häufig im français populaire, wobei die Liaison [-z-] auch als Zeichen des Plurals betrachtet wird: cinq-z-amis, quatre-z-yeux (Gadet 1992, 48). Übergrammatikalisierungen wie tout le monde s’en vont treten ebenfalls im français populaire auf.

 

2.5.3.3                Lexikalische Besonderheiten

Lexikalisch betrachtet gibt es kein spezifisches Vokabular, sondern spezifische Verwendung gängiger Wörter im übertragenen und metaphorischen Gebrauch sowie den bildkräftigen, emotionalen und hyperbolischen Ausdruck wie im français familier. So bedeutet vache im français populaire „agent de police“, im français familier in der Regel schlicht personne méchante. Lexikalische Einheiten, die formal und semantisch nur zum français populaire gezählt werden wie pote (ami, copain), pinard (vin),apéro (apéritif) sind jedem präsent, machen aber nur einen sehr geringen Teil des Gesamtvokabulars aus (Müller 1975, 203). Größtenteils sind diese Ausdrücke (historisch gesehen) aus dem Argot oder aus Dialekten übernommen (Gadet 1992, 103). Deshalb gilt das français populaire auch als „source de renouvellement“ (Duneton 1998, 20) und als „Schaltstelle“ für Substandardwörter und Dialektwörter, da es diese übernimmt, popularisiert und an die Gemeinsprache vermittelt (Prüßmann-Zemper 1990, 838). Für Bodo Müller (1975, 200 und 204) gilt dieses Register als das „potentielle Französisch des 21. Jahrhunderts“, als „Teil der Norm von morgen“.

Da viele Modewörter auftauchen und wieder verschwinden, ist die Lexik des français populaire recht instabil. Bei der Wortbildung spielt vor allem die Derivation eine große Rolle. Bei Nomen treten häufig die Suffixe –o (clodo, socialo, avaro), -ard (déchard, douillard), -aud (salaud) auf, viele Suffixe sind auch ganz der langue populaire eigen wie –os (craignos, coolos, nullos), das besonders auch bei den Jugendlichen beliebt ist, des weiteren –ouse (picouse) oder –got (parigot). Einige Suffixe sind vom Argot übernommen: -aga (poulaga), -aille (flicaille), -bar (loubard), -du (loquedu), -if (morcif, porcif), -oche (cinoche) und andere (Gadet 1992, 105).

Beliebt ist auch die parasitäre Suffigierung, bei der ein vorhandenes Suffix durch ein anderes ersetzt wird, oft aus einfacher Freude am Wortspiel. So gibt es für valise noch valoche, valtreuse oder valdingue (Gadet 1992, 105). Bei der Präfigierung lässt sich ein großer Gebrauch des Präfixes re- feststellen, so zum Beispiel repartir statt partir. Wie im français familier sind auch im français populaire Abkürzungen und Stammverkürzungen beliebt, so beauf für beau-frère, bon app‘ für bon appétit oder petit déj‘ für petit déjeuner (Gadet 1992, 108).

Auch der metaphorische Ausdruck ist häufig, wobei sich die Metaphern nach Form (pruneaux für testicules) oder Funktion (bâtons für jambes) richten. Viele Bezeichnungen dieser Art treten bei den Körperteilen auf (Gadet 1992, 111). Ist ein Ausgangsbild gefunden, folgen weitere Synonyme: poire für tête, ebenso dann pomme, cassis, pêche, fraise, citron, tomate, patate etc. Da der Gebrauch des français populaire nicht fixiert ist, ändern sich Sinn und Bedeutung meist recht schnell (Gadet 1992, 113).

 

2.5.4          Das français vulgaire

Zwar mit argottypischen Eigenschaften, aber doch nicht als Argot, wird das français vulgaire beschrieben. Gleich dem Argot, nennt es die Dinge unverhüllt beim Namen, zeigt eine Unbekümmertheit bei der Benennung von Körperteilen, Sexualität oder Verdauung und kennt viele Ausdrücke für negative Eigenschaften. Das Reden über diese Bereiche wird als vulgär gewertet, weil derartige Themen nicht mit Hilfe der gehobenen Sprache behandelt werden. Das français vulgaire verblüfft mit einer „schockierenden Direktheit“ (Müller 1975, 192). Allerdings wäre es falsch, die Vulgarität der Sprache mit der Vulgarität des Verhaltens gleichzusetzen (Marouzeau 1983, 115). Ebenfalls darf die langue vulgaire nicht mit der langue parlée gleichgesetzt werden, da letztere sich auf ein viel breiteres Feld erstreckt; sie berührt alle Themen, während die erst genannte nur bestimmte Wortfelder besetzt hält (Marouzeau 1983, 117).

Lexikalisch definiert es sich über viele Interjektionen wie merde! crotte! foutre!, weiter über viele Schimpfwörter wie putain, salope und Unmutsäußerungen wie je m’en fous, c’est dégueulasse! (Müller 1975, 192). Vulgarismen haben eine hohe Frequenz seit dem Abbau der gesellschaftlichen Tabus und moralischen Präskriptionen (Müller 1975, 193). Die Wörter sind oft übertrieben, auf reale Dinge gerichtet und keinesfalls abstrakt (Marouzeau 1983, 116), so crétin statt sot, crevant statt amusant, furieux statt irrité und dégoûtant statt désagréable. Dabei gibt es viele Vokabeln, die Gefühle wie Freude ausdrücken, aber kaum Lexeme, die Zärtlichkeit, Menschlichkeit, Großzügigkeit, Toleranz, Altruismus etc. auszudrücken (Marouzeau 1983, 117).

Sinn und Gebrauch der Wörter sind, wie auch im français populaire, nicht stabil. Das Vokabular altert schnell und erneuert sich mit gewissen Moden. Dabei ist die Wortbildung offen für alle Neuerungen. Da die Form der Wörter nicht fixiert ist (nur mündlicher Gebrauch), existieren viele Formen nebeneinander wie chiâler und chieuler für pleurer (Marouzeau 1983, 120).

Die Bedeutung von Suffixen ist variabel und austauschbar (rigolo, rigolard, rigolboche oder louf, loufoque, louflingue und salaud, salope, saligaud, salopard, salopiau). Das Suffix wird dabei nicht an die Basis gehängt, sondern frei an einen beliebigen Wortteil. Oft bleibt nur ein kleiner Teil der Basis erhalten, wie bei cibiche von cigarette oder Paname für Paris. Im Fall bicot ist von der Basis arabe (arbi – arbicot – bicot) gar nichts mehr zu erkennen (Marouzeau 1983, 121). Wie im français populaire existiert als Relativpronomen nur que.

Im Vulgärfranzösischen spielt, wie beim français populaire und beim Argot, auch das Wortspiel eine gewisse Rolle. Alles ist austauschbar, Wörter werden verkürzt, verlängert und verändert, es entstehen Phantasiekombinationen. Negative Dinge werden oft humoristisch benannt, wie refroidir für mourir (Marouzeau 1983, 122), gebräuchliche Wörter werden sarkastisch belustigend umgeformt, so bourrin für cheval, bouffer für manger, typesse, gonzesse, drôlesse, rombière etc. für femme: die lexikalischen Einheiten sind dabei meist durchsichtig und motiviert.

 

2.5.5          Der Argot

Den Charakter als kryptische Geheimsprache hat der Argot heutzutage längst verloren. Vielmehr gilt er als eine Form der Umgangssprache, die (fast) jeder Franzose versteht. Qualitativ gesehen steht der Argot für bas langage, als Schichtsprache der untersten sozialen Gruppe, sozusagen als Fortsetzung der Sondersprache der gens de mauvaise vie, also der Räuber und Diebe (Müller 1975, 136). Pierre Merle (1997, 5) versucht ihn einfach als „...langage populaire spontané et non technique plaisant à un groupe social ou à une population donnée“ zu definieren. Der Terminus Argot ist allerdings mehrdeutig. Zum einen bezeichnet er den oben genannten bas langage, also jede Ausdrucksweise, die sich gehäuft vulgärer, obszöner und tabuisierter Wörter bedient. Weiter bezeichnet er als argot de métier die unterste Ebene der Fachsprachen mit internen Vokabeln, als argot ancien dann jede weitere langue de spécialité, die Außenstehenden unverständlich bleibt. Insofern fallen unter diese Bezeichnung auch Fachsprachen mit einer hochentwickelten Terminologie wie beispielsweise die der Naturwissenschaften. Als letztes bezeichnet Argot die Gruppensprache derer, die am „Rande der Gesellschaft“ leben (Merle 1997, 3: „Parler argot, c’est d’abord parler en marge“), und deren Sprache als Erkennungszeichen und Ausdruck der Zusammengehörigkeit dient (Müller 1975, 174). Dabei nimmt die Zahl an Argots immer weiter zu, da jede soziale Gruppe stolz auf ihre Sondersprache ist (Schmitt 1990, 294).

Am schwierigsten ist die Trennung von Argot und français populaire. Dennoch lassen sich einige Unterschiede feststellen (Schmitt 1990, 285): Ist der Argot im Wesentlichen aufs Lexikon beschränkt, tangiert das français populaire alle Bereiche der Sprache. Während der Argot von marginalen Gruppen gesprochen wird, wird das français populaire von der Mehrheit der Sprecher genutzt. Allerdings beginnen die Grenzen zwischen den beiden Registern zu verwischen, da sich der Argot-Wortschatz mit dem populärem Wortschatz vermischt und die kryptische Funktion des argot ancien aufgegeben hat.

Der Argot ist als Sprechsprache wenig beständig, er ist für den Augenblick geschaffen. „Das einzig Beständige ist der Wechsel“, bringt Bodo Müller (1975, 176) dieses Phänomen auf den Punkt.

Lexikalisch lassen sich viele Formen für eine Bezeichnung feststellen, wie poulet, poulaga, poulardin, poulardos für policier. Dabei geht die Tendenz wie bei den unteren Sprachschichten überhaupt, zur Anschaulichkeit, Bildhaftigkeit und Hyperbolisierung der Ausdrücke. Bodo Müller spricht sogar von einer „Wucherung von Synonymen“, die er an den Beispielen von argent (beurre, blé, braise, fric, galette, pépettes, ronds, douille, radis etc.) und mourir (calancher, caner, casser sa pipe, la casser, clamser, crever, lâcher la rampe etc.) verdeutlicht (Müller 1975, 177). Das Vokabular des Argots erstreckt sich auf wenige Sachgebiete wie Essen, Trinken, Verdauung, Schlafen, Geld, Alkohol, Sexualität, Gaunerei, Gesetzesübertretungen etc. (Müller 1975, 177). Für positive, moralische Werte gibt es sehr wenige Bezeichnungen. Tabus hingegen werden mit der größten Selbstverständlichkeit und Unbefangenheit verbalisiert. Metaphern, Metonymien (plume für lit), Ironie, Witz und Übertreibung entschärfen die Tabus, negative Tatbestände werden sprachlich herunter gespielt. Neologismen entstehen durch onomatopoetische Bildungen wie zin-zin für „Krach“ oder Reduplikationsbildungen (c’est kif-kif für c’est pareil, nana für fille). Beliebt ist auch die metaphorische Umbenennung vorhandener Wörter (porte-pipe für gueule oder viande froide für cadavre). Dabei hat die metaphorische Übertragung einen humorvollen, euphemistischen, herablassenden Nebenton (Müller 1975, 179). Auch Wortkürzungen sind sehr häufig, wie lap für la peau (rien), estome für estomac oder mat für matin.

Bei affigierten Formen handelt es sich meistens um Pseudoderivationen, die die Form, aber nicht die Semantik ändern: -abre (seulabre, jeuabre), -aga (poulaga), -anche (journanche, boutanche für bouteille), -iche (bonniche), -o (apéro, fiéro), -oche (cinoche), (Müller 1975, 180). Diese Affigierung drückt auch den spielerischen Zug des Argots aus (Schmitt 1990, 296). War es früher notwendig und wichtig, neue Wörter zu erfinden (Argot als Geheimsprache, um sich unbelauscht unterhalten zu können), ist die Wortschöpfung heute nur noch ein Spiel aus der Freude an der Sprache (Caradec, 2001, XI). Der Argotwortschatz dringt immer weiter in die Gemeinsprache ein, zum einen wegen der literarischen und medialen Nutzung des Argots (Schmitt 1986, 179), zum anderen wegen des allgemeinen Niveauausgleichs (Müller 1975, 182). So bringt auch Renaud mit seinen Liedern den Argot in die Gemeinsprache:

„...avec son look gavroche des temps modernes, son accent traînant fleurant nettement la zone, sa bonne idée de relancer le verlan et de ressortir quelques bons vieux classiques de l’argot comme morgane, terme qui date tout de même des années 1830 (Morgane de toi, 1983))“, Pierre Merle 1997, 37.

 

Dennoch fungiert der Argot auch als Zeichen des Protests gegen die Sprache der etablierten Gesellschaft und damit auch gegen die Gesellschaft, was auch bei Renauds Texten zutrifft. Der Argot hat sich weiterentwickelt zur „Sprache derer, die der bürgerlichen Gesellschaft kritisch gegenüber stehen und ihre Werte despektierlich behandeln“ (Schmitt 1986, 179). Somit ist er auch ein Zeichen der Gruppenzusammengehörigkeit (Désirat 1976, 55). Argot betrifft mittlerweile alle Klassen der Gesellschaft, für die meisten Franzosen ist er verständlich und nicht mehr kryptisch. So hat sich ein argot commun herausgebildet, der seine ersten Konturen auch in Liedern von Georges Brassens und Renaud findet (Schmitt 1990, 300).

 

2.5.6          Jugendsprache

Als ein Argot unter vielen wird die Jugendsprache bezeichnet (Bollée 2000, 343), die gerne Elemente aus den verschiedenen Registern aufnimmt. Dabei gibt es verschiedene Varietäten der Jugendsprache, so wie auch die Gruppen der Jugendlichen unterschiedlich sind (Gymnasiasten, Vorstadtbanden, Rockszene, Drogenszene u.a.). Die Varietäten überlappen allerdings so, dass sie nicht zu trennen sind (Bollée 2000, 344). Viele Wörter sind aus dem klassischen Argot übernommen (fringues „Klamotten“, nana „Frau, Mädchen“, mec „Mann, Typ“).

Negativwörter bedeuten oft das Gegenteil des Gesagten. So bedeutet une méchante veste eigentlich „schön“, un peu demnach beaucoup (Walter 1988, 289).

Einen besonderen Stellenwert nimmt der Verlan ein, „qui a été remis à la mode parmi les jeunes et qui a laissé des traces dans la vie quotidienne grâce à quelques chansons à succès comme Laisse béton...“ (Walter 1988, 291). Seit 1975 ist der Verlan wieder aktuell, nämlich als Renaud,

„un jeune homme de vingt-trois ans qui a pas mal traîne ses guêtres avec la bande à Coluche, du côté du café-théâtre Le Café de la Gare, à Paris, chante la zone, l’œil bleu et l’air farouche, petit foulard rouge de marlou de bande dessinée autour du cou“ (Merle 1997, 50).

 

Wegen des großen Erfolgs des Chansons Laisse béton ist der Verlan wieder in Mode gekommen (Merle 1997, 50) und hat sich weiterentwickelt, so dass es sogar apokopierte Formen des Verlans gibt (métro – tromé – trom), (Merle 1997, 52).

Dabei werden die Silben der Wörter phonetisch umgekehrt, so dass aus tomber béton wird, aus blouson zomblou. Diese Form des Verlans war auch schon im alten Gaunerargot bekannt (Walter 1988, 291), und mit ihm hat er auch die Freude am Sprechen, am Sprachspiel gemeinsam (Merle 1997, 22). Annegret Bollée (2000, 352) wertet den Verlan allerdings als Modeerscheinung, die bald wieder verschwinden wird.

Die Jugend erweist sich im Bereich der Wortbildung als besonders kreativ (Offord 1990, 62), wobei die Neologismen auf unterschiedliche Art entstehen. Allerdings gibt es kaum Neubildungen auf der Ebene der Schimpfwörter (Merle 1997, 23). Schon existierenden Ausdrücken werden, wie auch bei anderen subsprachlichen Registern, neue Bedeutungen gegeben.

Der syntaktische Gebrauch ändert sich bei ça baigne, die Wortklassen ändern sich sehr häufig (Nomen als Adjektiv: un pantalon très sexe, être classe, Nomen als Verb: se viander „getötet werden“). Als jugendtypische Präposition erweist sich histoire de im Sinne von pour (Bollée 2000, 351). In der Derivation sind besonders die Suffixe –os (musicos), -ing (feeling), -itude (craintitude) sowie die Präfixe hyper- (hypersympa) und dé-(déconstruire) beliebt (Offord 1990, 62). Auch die Abkürzungen wie im français populaire, familier und im Argot sind häufig: appart(ement), restau(rant), santiags (santiagos, mexikanische Stiefel), tek (t’es con), etc.

Natürlich spielen auch die Anglizismen eine große Rolle, entweder als reine Entlehnungen (cool) oder als ans Französische angepasste Formen (flipper als Drogenkonsum), (Offord 1990, 63).

Die Jugendsprache wirkt wegen des Verlans und des Zusammenbruch der Syntax oft unverständlich (Bollée 2000, 352), so dass sie von Erwachsenen als andersartig und provozierend empfunden wird (Zimmermann 1990, 240). Unter den Jugendlichen allerdings ist der Sprachstil ein Zeichen der Solidarität unter Minderjährigen, also auch angelegt auf Distanzverminderung, was den Anspruch der Erwachsenen auf Respekt und Distanz verletzt (Zimmermann 1990, 243).

 

2.5.7          Das français cultivé

Trotz des hohen Prestige des français cultivé, ist dieses Sprachregister ebenso eine Subsprache wie das français populaire oder vulgaire (Prüßmann-Zemper 1990, 839). Es wird auch als Übernorm (Müller 1975, 209) bezeichnet. Im Gegensatz zu den anderen Registern ist es sowohl in akzeptierter schriftlicher Form als auch mündlich in Gebrauch. Das français cultivé zeichnet sich auf lexikalischer Ebene durch Archaismen, keine Affektvokabeln und viele Konjunktionen sowie Verneinungsformen aus. Auf phonetischer Ebene ist es gekennzeichnet durch gute Bewahrung der Oppositionen der Vokale und Nasale, durch häufige Liaisons sowie die Bewahrung des e caduc (Müller 1975, 212 ff). Das Prinzip der Ökonomie, wie in den anderen subsprachlichen Registern, ist außer Kraft gesetzt, statt dessen geht es um die maximale Variation in der Sprache (Müller 1975, 215).

 

2.5.8          Fachsprachen

Auch die Fachsprachen sind eine gruppenspezifische Subsprache des Französischen, der einige Linguisten die größte Aufmerksamkeit widmen. Allerdings betrifft die Problematik im wesentlichen nur einen Teilbereich der Sprache, nämlich hauptsächlich den der Lexik und Wortbildung (Holtus 1978, 166). Beim Begriff der Fachsprache muss man unterscheiden zwischen der langue technique als Fachsprache besonders für technische, maschinelle Berufe, und der langue de spécialité als Fachsprache ohne technische Komponente. Fachsprachen dienen aber nicht nur der theoretischen Kommunikation über Wissensgebiete, sondern auch der praktischen Anwendung, denn sie werden beruflich und außerberuflich genutzt (Müller 1975, 136). Die Zahl der Fachsprachen ist unüberschaubar, da jede Fachrichtung, jedes Interessengebiet seine eigene Fachsprache besitzt (Prüßmann-Zemper 1990, 834). Ähnlich wie bei den anderen Subsprachenregistern dringen auch Terminologien aus der Fachsprache in den Gemeinwortschatz, so zum Beispiel atome, pile atomique aus dem Bereich der Atomphysik (Müller 1979, 422).

 

2.6         Probleme bei der Differenzierung der Register

Da die Grenzen zwischen den einzelnen Registern mit der Zeit stets verwischen, wird eine deutliche Trennung immer schwierig bleiben. Die Demokratisierung und Vermischung der sozialen Klassen zieht eine „Demokratisierung der Sprache“ nach sich (Pollak 1983, 128). Die Identifikation sozialer Klassen ist schwieriger geworden (Palazzolo-Nöding 1987, 4). Viele Wörter steigen in das Gemeinfranzösische oder vom Argot in die langue populaire auf (Müller 1975, 190); français populaire, français familier, français vulgaire und Argot greifen ineinander (Offord 1990, 128). Es findet ein fortwährender Austausch zwischen den Registern statt, eine „eindeutige Abgrenzung der Register gegeneinander ist praktisch nicht möglich, da diese niemals stabil sind“ (Prüßmann-Zemper 1990, 836). Claude Duneton (1998, 14) schlägt wegen der Vermischung der drei nicht offiziellen Sprachformen des Französischen den Terminus français non conventionnel vor, da in der Praxis die Bezeichnungen familier, populaire und Argot oft ohne Unterschied gebraucht werden. Auch Claude Désirat und Tristan Hordé (1976, 47) schlagen eine Unterscheidung zwischen langue officielle und usage non officiel vor, denn: „L’usage courant mêle constamment les niveaux.“ Gerade die Zuordnung der Sprachvarianten zu fest umrissenen soziologischen Größen erweist sich als problematisch (Blasco-Ferrer 1996, 180). Je nach Schulbildung, sozialem Umfeld, der bewußten Einschaltung funktionaler Sprachcodes und sprachpsychologischem Verhalten wie Ablehnung oder Nachahmung bestimmter Register soll ein Register mit einer sozialen Gruppe annähernd verbunden werden. Kontrolle über die Faktoren für die verschiedenen Varietäten wie Alter, Geschlecht, soziokultureller Status oder geographischer Ursprung hat der Sprecher kaum (Offord 1990, 47 ff). Zwar können die einzelnen Sprachregister differenziert und detailliert beschrieben werden, aber bei der soziographischen Zuordnung besteht große Unsicherheit, was Brigitte Palazzolo-Nöding (1987, 22) auch auf das Fehlen empirischer Untersuchungen zurückführt.

 

2.7         Lexikographische Unsicherheiten

„Familier: usage parlé et même écrit de la langue quotidienne: conversation, etc.; mais ne s’emploierait pas dans les circonstances solennelles; concerne la situation de de discours et non l’appartenance sociale, à la différence de pop.

Populaire: qualifie un mot ou un sens courant dans la langue parlée des milieux populaires (souvent argot ancien répandu), qui ne s’emploierait pas dans un milieu social élevé. A distinguer de familier qui concerne une situation de communication.

Vulgaire: mot, sens ou emploi choquant, le plus souvent lié à la sexualité et à la violence, qu’on ne peut employer dans un discours soucieux de courtoisie, quelle que soit l’origine sociale.

Argot: mot d’argot, emploi argotique limité à un milieu particulier, surtout professionnel, mais inconnu du grand public.

Argot familier: mot d’argot passé dans l’usage familier.

Auf diese Art informiert der Nouveau Petit Robert (2001) die Zuordnung der Lexeme in bestimmte Register. Auffällig ist der zögerliche Charakter der Beschreibung. Tatsächlich gibt es zahlreiche Unterschiede bei der Zuordnung der Lexeme zu bestimmten Registern (Caradec 2001, VII). Das liegt mitunter daran, dass viele sprachwissenschaftliche Termini von der normativen Grammatik und der Tradition bestimmt sind, français familier, français populaire und Argot werden wahllos vermengt als Absetzung vom bon usage (Schmitt 1990, 285).

Durch die Annäherung der Register und die allgemeine Nivellierung entsteht eine große Unsicherheit bei der Markierung in den Wörterbüchern (Schmitt 1990, 286). So ist der Begriff français populaire in Wörterbüchern immer noch mit dem Begriff bas peuple verbunden. Doch der Begriff hängt von seiner Historizität und dem Faktor Zeit ab (Schmitt 1986, 130). Die Zuordnung von français familier, français populaire und Argot ist ein „historischer Rest“ (Schmitt 1986, 154). Die Begriffe und Bezeichnungen sind „uralt“ (Schmitt 1986, 183) und durch die lexikographische Tradition bestimmt, inhaltlich also wenig aktualitätsbezogen. Die den Substandard betreffenden diasystematischen Markierungen sind nach Christian Schmitt (1986, 183) „nur eingeschränkt brauchbar“. Besonders die Terminologie populaire bezeichnet in einer demokratischen Gesellschaft eher eine Durchschnittssprache, wird aber als Varietät des Substandards wie zur Zeit des Ancien Régime dargestellt (Schmitt 1986, 183).

Christian Schmitt (1986, 185) kritisiert, dass die sprachwissenschaftlichen Beschreibungsmethoden bei der Bestimmung der Subcodes zu wenig in der Lexikographie beachtet werden, die Lexikographen stehen als Bewahrer zu sehr in der puristischen Tradition. Dabei kann die Situation nur durch ein „fein abgestimmtes Miteinander“ und nicht durch ein „Neben- und Gegeneinander“ (Schmitt 1986, 185) gebessert werden. Die Bestimmung darf nicht subjektiv nach Ermessen der Lexikographen erfolgen.

„La stabilité de la norme dans les dicitonnaires apparaît comme le simple reflet de la commune appartenance sociale des lexicographes. [...] C’est le lexicographe qui fixe la norme ou l’usage moyen d’après sa propre compétence linguistique et ses pratiques sociales“ (Désirat/Hordé 1976, 43).

 

Auch Ludwig Söll beklagt die Zuordnung in den Wörterbüchern. Sie sei „unsystematisch und intuitiv“ (Söll ³1985, 190). Er schlägt deshalb eine Markierung nach dem System „nicht markiert“ (français courant), „code-markiert“ (gesprochene oder geschriebene Sprache: béboussolé – désorienté) und „registermarkiert“ (bouffer) vor (Söll ³1985, 192).

In einer Untersuchung mit Hilfe eines Fragebogens im multiple-choice-Verfahren hat Brigitte Palazzolo-Nöding (1987) die Schwierigkeit bei der Zuordnung der Lexeme zu bestimmten Registern dargestellt. In einer Kleinstadt in Südfrankreich, Draguignan, wurde die Bevölkerung schriftlich nach der Zuordnung der Begriffe zu bestimmten Registern gefragt, wobei eine Kurzdefinition der Begriffe français familier und français vulgaire gegeben wurde. Ihr Ergebnis: es besteht eine große Unsicherheit in der Zuordnung der Begriffe, die Zuordnungen weichen stark von dem ihr zu Grunde liegenden Wörterbuch, dem Petit Robert, ab. Dabei hat sie auch die Markierung bei mehreren Wörterbüchern verglichen, die ebenfalls nicht einheitlich waren. Beispielsweise stuften 44% der Befragten den Begriff dégueulasse als vulgaire ein,

42% als populaire und 14% als familier. Der Petit Robert markiert den Begriff als vulgaire, andere untersuchte Wörterbücher als populaire (Palazzolo-Nöding 1987, 100).

 

2.8         Französische Sprachvarietäten in der Praxis

Größtenteils bedienen sich die Sprecher der unteren Register nicht aus Unvermögen, sondern aus sprachtaktischen, überlegten Gründen. Da jedem Sprecher mehrere Register zur Verfügung stehen, ist er frei in der Wahl des Registers, was die Voraussetzung für einen Sprachstil ist (Wandruszka 1983, 319). Die Wahl des Argots oder des français populaire dient beispielsweise als Erkennungszeichen, als soziales Bindeglied und als Mittel der Abschirmung gegen andere Gruppen (Müller 1975, 175). Die Jugendsprache erfüllt ebenfalls eine Identifikationsfunktion, sie ist angelegt auf Solidarität und Distanzverminderung (Zimmermann 1990, 242). Verallgemeinernd kann gesagt werden, dass Sondersprachen als soziale Phänomene die Abgeschlossenheit des Milieus zur Gesellschaft hin fördern (Distanzierung), sie kennzeichnen die Gruppenmitglieder (Identifikation) und erfüllen ein Schutzbedürfnis (Schmitt 1990, 283). Außerdem bieten sie ein Stück Freiheit in der Sprache, die durch rigide Normen und Sprachverordnungen gekennzeichnet ist (Schmitt 1990, 298):

„L’usage de certains vocables reste l’indice de l’appartenance à une catégorie sociale. Il serait peut-être plus pertinent de le considérer comme un comportement verbal d’agression, de défense, de compensation“ (Désirat/Hordé 1976, 55).

 

Diese Verwendung der Register als Aufstand gegen die Gesellschaft trifft teilweise auf Renauds Chansons zu (vergleiche Kapitel 4.6.2).

Die verschiedenen Register können bewusst zur Täuschung oder zur positiven Selbstsituierung eingesetzt werden (Müller 1977, 415). Durch ein freundschaftliches, kameradschaftliches Register wird Nähe und Vertrauen geschaffen, durch die Wahl eines hohen Registers stellt der Sprecher seine (vorgetäuschte?) Sachkenntnis und Bildung in den Vordergrund.

 



[1] Nach Bodo Müller (1975), 36-56.

[2] Wegen eines Formatierungsproblems verändert sich der Zeilenabstand bei Sonderzeichen wie Lautschrift.

"Caractérisation linguistique des personnages des chansons de Renaud" par Barbara Bungter - Présentation en ligne