4.4 Renaud und seine Tochter Lolita

Seit der Geburt seiner Tochter Lolita sind Renauds Alben im Vergleich zu den früheren Aufnahmen wesentlich ruhiger und weniger agressif geworden. Den gleichen Stellenwert, den Lolita nun in Renauds Leben einnimmt, räumt er ihr auch in seiner Musik ein. Im Laufe der Zeit verändert sich die Stellung Lolitas in Renauds Chansons: Waren es zunächst Lieder über Lolita (Baby-Sitting Blues) oder Gespräche mit Lolita (Il pleut, Morgane de toi), nutzt Renaud die Perspektive seiner Tochter in späteren Alben, um die Gesellschaft zu kritisieren (Marchand de cailloux) oder sich selbst zu karikieren (Mon amoureux): „Les gens qui suivent bien mon répertoire voient grandir ma fille d’album en album ou à travers les chansons“, erklärt Renaud (in: Bellaïche/Prévost 1995, 48).

 

4.4.1 Morgane de toi[1]

„Avec Morgane de toi, Renaud a définitivement cassé son image“, schreibt Thierry Séchan (1989, 85) und bezieht sich damit auf das gesamte gleichnamige Album, besonders aber auf diese Liebesballade an Lolita. Renaud gibt sich nicht mehr als loubard, sondern als sorgender, liebevoller Vater zu erkennen, der seine kleine

Tochter vor den „play-boys des bacs à sable“ schützen möchte.

 

4.4.1.1 Lexik

Das Vokabular in Morgane de toi (Amoureux de toi) (von 1983, in: Renaud 1988,

191 f.) bleibt im Register des français familier und bezieht sich zum größten Teil auf das semantische Feld „Kinder“ wie môme, marmots, p’tits mecs, petit frangin, wobei die jungen Verehrer („il a au moins quatre ans“, V. 1) ironisierend-negativ beschrieben werden mit mariole, ces p’tits machos und les plays-boys des bacs a sable. Allerdings lässt Renaud erkennen, dass er keineswegs besser war als diese jungen Umwerber, die nur an das Eine denken: „Jouer au docteur non conventionnée/J’y ai joué aussi, je sais de quoi j’cause“ (V. 7 f.) und „J’draguais leurs mères avant d’connaître la tienne“ (V. 10). Zur Beschreibung der ‘Sandkastenszene‘ in den ersten drei Strophen greift Renaud auf für dieses Feld typische Lexeme zurück wie ta pelle, ton seau, ta couche-culotte, les bombecs, le râteau, wobei das Lexem bombecs in keinem Dictionnaire verzeichnet ist und eine Neubildung Renauds sein könnte.

Lolita wird in den folgenden drei Strophen näher beschrieben: „Tu pèses moins lourd qu’un moineau qui mange pas“ (V. 23), ihre fesses beschreibt Renaud mit „tes miches de rat qu’on dirait des noisettes“ (V. 25), ihre Haut ist „plus sucrée qu’un pain au chocolat“ (V. 26), so dass sie sich vor den vielen Verehrern hüten muss: „Tu risques de donner faim à un tas de p’tits mecs“ (V. 27). Mit dieser bildlichen Beschreibung, die sich auf das semantische Feld des Essens bezieht (noisettes, sucrée, pain au chocolat, donner faim) wechselt Renaud von der rein erzählenden familiären Ebene auf eine poetische Ebene, ebenso bei der metaphorischen Aussage „Tu pèses moins lourd qu’un moineau qui mange pas/Déploie jamais tes ailes, Lolita t’envole pas“

(V. 23 f.). Die bildliche Darstellung, besonders mit Metaphern aus dem Tierreich, ist ein typisches Phänomen des français familier.

Renaud beschreibt sich in diesen Strophen auch ironisierend selber: Lolitas Namen lässt er sich in seine Lederjacke mit goldenen Nägeln einstanzen (sein typisches Accessoire), durch seine vielen Tätowierungen hat er „une bande dessinnée sur la peau“ (V. 18), weiter beschreibt er sich selbst-ironisierend als schwächlich („T’es la seule gonzesse que j’peux t’nir dans mes bras/Sans m’démettre une épaule, sans plier sous ton poids“, V. 21 f.) und betont seine Abneigung gegen die Schule („Quand t’iras à l’école, si jamais t’y vas“, V. 28). Des weiteren übt er mit seinen Aussagen „T’entends pas c’bruit, c’est le monde qui tremble/Sous les cris des enfants qui sont malheureux“ (V. 39 f.) Kritik an der miserablen Situation vieler Kinder auf der Welt, ein Thema, das ihn auch im Chanson Morts les enfants (1985) beschäftigt.

Die Hauptaussage aber des Chansons wiederholt sich im Refrain: „Tu sais ma môme que j’suis morgane de toi“. Allein schon die Tatsache, dass der Chansons den Untertitel Amoureux de toi trägt, macht deutlich, wie ausgefallen der Ausdruck morgane ist. Renaud als Liebhaber der Sprache hat diesen Begriff von einem Mädchen aufgeschnappt, das erzählte: „Je suis morgane de lui, amoureux de lui“ (Coljon 1995, 36). Der Ausdruck stammt aus dem argot des gitans, dem Zigeuner-Argot. Renauds Interesse war geweckt: „Je l’ai lu dans un dictionnaire d’argot: morganer, c’est manger. Donc je te mords, je te dévore. Je suis mordue de toi“ (Renaud, in: Coljon 1995, 36). Das Adjektiv morgane ist allerdings eine Neuschöpfung Renauds als Derivation des Verbs morganer „mordre, manger“, und Jean-Paul Colin (2001) merkt an: „Le chanteur Renaud a relancé ce mot en 1983, en supprimant le phonème [e] en finale.“ Sogar die Werbung hat zu jener Zeit den Begriff wieder aufgenommen, so dass viele Franzosen davon ausgingen, Renaud habe die Rechte an diesem Ausdruck verkauft, was allerdings nicht der Fall war: „J’aurais dû. Tant qu’à faire...“, kommentiert Renaud (in: Coljon 1995, 36). Marc Robine ist sich zudem noch sicher, dass der Ausdruck sich im Französischen etablieren wird: „Tout comme Laisse béton ou Marche à l’ombre, l’expression Morgane de toi passera dans le langage quotidien“ (Robine 1995, 94). Allerdings verzeichnet der Petit Robert 2001 keinen Eintrag unter morgane.

Ebenfalls ein wiederkehrendes Element ist die Formulierung dans l’dos, die in ständig wechselnder Bedeutung auftritt: in der ersten Strophe bezeichnet „un coup d’râteau dans l‘ dos“ (V. 4) tatsächlich einen Schlag in den Rücken. In der vierten Strophe beschreibt „plantés dans le cuir de mon blouson dans l’dos“ (V. 20) die Rückseite der Lederjacke, in die Lolitas Name eingestanzt ist. Der Ausdruck „Que ta mère voudra qu’j’lui fasse un petit dans l’dos“ (V. 36) in der siebten Strophe bedeutet „mettre enceinte“, während in der neunten Strophe „le vent qu’on a dans l’dos“ (V. 44) den Rückenwind beschreibt.

 

4.4.1.2 Morphosyntax

Mit dem Chanson Morgane de toi richtet sich Renaud direkt an seine Tochter Lolita. Deutlich wird dieses durch die Verwendung der Personalmorpheme tu, ta, ton, tes oder te („Tu veux un petit frangin?“, V. 33; „Tu sais ma môme que j’suis morgane de toi“, V. 31 u.a.; „Y veut t’piquer ta pelle et ton seau“, V. 2; „Avec tes miches de rat...“, V. 25), durch Imperativformen („Lolita défends-toi“, V. 4; „Déploie jamais tes ailes, Lolita t’envole pas“, V. 24; „Attends un peu...“, V. 5 und „Allez, viens avec moi“,

V. 41) und durch die direkte Ansprache „Lolita“, „Lola“ oder „ma môme“. Renaud bleibt auf der Ebene des gesprochenen Französisch, ohne in die Kindersprache zu fallen. Kennzeichnend für die gesprochene Sprache sind die in unterschiedlichen Varianten auftretenden Personalmorpheme. So werden il und ils zu <y> [i] vor Konsonant („Y veut t’piquer ta pelle...“, V. 2; „...y t’f’ront porter leurs cartables“,

V. 11), je wird vor Konsonant verkürzt zu <j‘>, wodurch phonetische Verschleifungen entstehen („J’suis qu’un fantôme...“ [ik¿)fA)tom], V. 14 u.a.) und tu wird vor Vokal zu <t> („Quand t’iras à l’école, si jamais t’y vas“, V. 28). Die Verneinung ist vereinfacht („J’suis qu’un fantôme quand tu vas où j’suis pas“, V. 14 u.a.), und bestimmte Satzteile werden durch Wiederholungen hervorgehoben, wobei das wiederaufnehmende Lexem nicht mit dem vorhergehenden grammatikalisch übereinstimmen muss: „Les bébés, ça s’trouve pas dans les magasins“ (V. 35). Charakteristisch für den Dialog sind die Gliederungselemente wie „Ben quoi...“

(V. 37), „Allez viens“ (V. 41) und „‘reus’ment qu’j’suis là“ (V. 12), sowie Ausrufe der gesprochenen Sprache wie „Eh!...“ (V. 35). Selbst wenn Lolita keinen Sprechanteil hat, ist sie indirekt auch sprachlich präsent durch die Form der indirekten Frage beziehungsweise Rückfrage durch Renaud: „Qu’ess-tu m’racontes?Tu veux un petit frangin? Tu veux qu’j’t’achète un ami pierrot?“( V. 33 ff.). Die Intonationsfrage ist charakteristisch für die gesprochene Sprache und erweckt den Eindruck eines Gesprächs, während die est-ce que-Frage nicht markiert ist und meist in Eröffnungen Verwendung findet.

 

4.4.1.3 Phonetik

In phonetischer Sicht bleibt Renaud ebenfalls im Bereich der normnahen, aber gesprochenen Sprache. Das e muet bleibt weitestgehend erhalten, es fällt allerdings bei einsilbigen Lexemen wie den Personalpronomen (je, me, te, se) sowie bei le, de, ce und que. Auch innerhalb eines Wortes fällt das e muet, so bei p’tit, f’ront, r’garde, t‘nir. Durch Apokope und Fall des e muet im Wort verändert sich die Form von heureusement zu „‘reus’ment“ (V. 12). Die est-ce que- Frage wird phonetisch zusammengezogen zu „Qu’ess-tu m’racontes?“ (V. 33), so dass der gesamte Teil est-ce que zusammengefasst wird in ess. Die Aussprache ist typisch für das gesprochene Französisch, bleibt aber dennoch im gehobenen Bereich. Auch die Liaison wird nach den Regeln der Norm durchgeführt. Normwidrig sind allerdings die Verkürzung des Personalmorphems tu zu <t‘> vor Vokal und die phonetische Verbindungen der beiden aufeinanderfolgenden Elemente: „Quand t’iras à l’école, si jamais t’y vas“

(V. 28). Allerdings ist dieses Phänomen häufig in der gesprochenen Sprache zu beobachten.

 

4.4.2 Mon amoureux[2]

„C’est une petite chanson, un‘ chanson je dis je, mais c’est pas moi qui parle, c’est ma fille qui me parle à moi, mais cette chanson malgré tout totalement imaginaire, puisqu’elle me parle d’un individu qui n’existe pas, qui n’est pas frais d’exister et qui a pas intérêt à exister surtout, ça s’appelle Mon amoureux!“ So kündigt Renaud das Chanson während seiner Frankreichtournee 1995 an (aus dem Album Paris-Provinces, Virgin 1995). Im Chanson handelt es sich um Lolita, die ihren – verständlicherweise eifersüchtigen – Vater für ihren amoureux begeistern möchte. Lolita hat natürlich viele gute Argumente: „Il écoute que Brassens et toi“ (V. 10), „Et en plus il est protestant“ (V. 21), „Il a tatoué Guevara sur le bras“ (V. 22) und weitere gemeinsame Vorlieben und Ideale des Vaters zeichnen den Freund der Tochter aus.

 

4.4.2.1 Lexik

Dass Renaud in diesem Chanson (von 1994, in: Renaud 1999, 137) die Sicht seiner Tochter Lolita einnimmt, wird am Vokabular sehr deutlich. Eine Mischung aus français familier und Argotvokabular sowie typisch jugendlichen Wendungen sind Merkmale des français branché. Schon in der ersten Zeile lässt Renaud erkennen, wie Töchter ihre Väter auf eine subtile Art um den Finger wickeln. Sehr eindringlich beginnt das Chanson mit „J’t’en supplie mon Papou...“ (V. 1). Das Verb supplier im Sinne von „prier en demandant qqch. comme une grâce, avec une insistance humble et soumise“ (Petit Robert 1994) scheint im Vergleich des weiteren Vokabulars recht gehoben zu sein und drückt genau die umschmeichelnde, unterwürfige Haltung Lolitas zu Beginn des Chansons aus. Die Koseform mon Papou verstärkt noch diese Taktik der Tochter. Vage, und im français familier kündigt Lolita an, dass sie ihren amoureux „un d’ces quatre“ (V. 1) mit nach Hause bringen wird. Der elliptische Ausdruck von un de ces quatre matins mit der Bedeutung „un jour, plus ou moins proche“ wirkt noch sehr ungenau und schwächt somit die Aussage etwas ab, da noch nichts fest entschieden ist. Renaud bleibt als Vater also noch einige Zeit, um sich mit

der ihm unangenehmen Vorstellung abzufinden, dass er nicht mehr allein der wichtigste Mann im Leben seiner Tochter sein wird. Lolita scheint die Eifersucht ihres Vaters zu durchschauen und erteilt folgende Anweisungen: „Lui file pas un coup d’boule une mandalle un coup d’latte/Lui fais pas bouffer des clous“ (V. 3.f). Die aus dem Argot stammenden Ausdrücke aus dem semantischen Feld der Gewalt, im Besonderen der verschiedenen Schlagarten, sind schon teilweise ins familiäre Französisch übergegangen. Der familiäre Ausdruck un coup d’boule beruht auf der Analogie der Form zwischen Kopf und Kugel und ist eine typische Bildung der Substandardsprachen. Ursprünglich aus dem Argot stammt das sehr gebräuchliche, mittlerweile als familiär eingestufte Verb filer, das oft eine Bewegung und eine Richtung angibt, also in der Bedeutung von „donner, mettre“ verstanden wird. Une mandalle bezeichnet eine weitere Art des Schlagens, „une gifle“, ist allerdings nicht so verbreitet wie un coup de boule. Der Petit Robert 1994 stuft den Ausdruck noch als Argot-Wort ein. Der argotische Ausdruck un coup d’latte ist mittlerweile ein gebräuchliches Wort des français familier geworden. Nicht verzeichnet ist allerdings der Ausdruck faire bouffer des clous, der aber mit der geläufigen, anschaulichen und bildlichen Bedeutung spielt. Eine weitere Warnung gibt Lolita ihrem Vater: „Fous pas l’feu à sa mob qui s’ra garée en bas“ (V. 5). Das Verb foutre ist sehr gebräuchlich im familiären Französisch (Duneton 1998, 226) mit den Bedeutungen „faire, mettre, donner“. Typisch für die Jugendsprache und das familiäre Französisch sind Apokopen, wie mob von mobylette. Apokopierte Formen treten sehr häufig im Chanson auf, so auch pull (V. 15) von pullover, accro (V. 25) von être accroché, gym (V. 27) von gymnastique und prem’en rédac (V. 27) als premier en rédaction.

Lolita rät ihrem Vater weiter, ihren Freund nicht microbe (V. 6) zu nennen, was im familiären Französisch bildlich übertragen „personne petite“ bedeutet. In das Register des familiären Französisch fallen auch die Ausdrücke moche (V. 7) und lui fais pas les poches (V. 8). Regelmäßig tritt im Refrain der beruhigende Satz auf t’en fais pas Papa (V. 9, 22, 35, 40) als verkürzte Form von ne te fais pas des soucis. Als rein jugendsprachlich ist das Adverb ‘achement (V. 12) anzusehen. Das familiäre Intensivadverb vachement wird durch Aphärese nur so weit verkürzt, dass der Ausdruck zwar ähnlich klingt, sich aber trotzdem von der gebräuchlichen Sprache absetzt. Solch eine Bildung hat Renaud auch in seinem Dictionnaire énervant: Programme-dictionnaire de la tournée „Visage pâle attaquer Zénith“, dem Tourprogramm von 1988, verwendet: dort findet man die Form abilleuse mit der Bemerkung: „L’abilleuse prend en général un H. Là non. Renaud en a décidé. Hainsi.“ Allerdings verändert sich in diesem Beispiel nicht die Phonetik, es handelt sich um ein rein graphemisches Phänomen, das allerdings Renauds Liebe zum Spiel mit der Sprache verdeutlicht.

Ganz gegen die Befürchtungen des Vaters ist der amoureux kein „p’tit con-Chevignon“ (V. 14). Renaud bezieht sich hier auf eine teure Firma für Jeans und andere jugendliche Kleidungsstücke, die hauptsächlich reiche, snobistische ‘fils-à Papa‘ tragen. Lolitas Freund hingegen ist nicht sehr auffällig („Il est plutôt normal comme dégaine“, V. 17), er trägt keinen Nasenring und keine Lederjacke, sondern nur einen „gros pull en laine“ (V. 15), er ist naturverbunden („Il adore la pluie et le vent“, V. 19), er mag René Fallet, „y pêche à la mouche“ (V. 20) und „en plus il est protestant“

(V. 21). Also ist es selbstverständlich, sagt sie ihrem Vater, „que tu craques pour mon Manouche“ (V. 18). Das Verb craquer ist nach dem Petit Robert 1994 familier und ist in diesem Kontext als „s’attendrir“ zu verstehen. Manouche ist die gängige Bezeichnung für gitane, wird allerdings auch in speziellen Argotwörterbüchern aufgeführt.

Typisch für das français branché sind Anglizismen (Offord 1990, 63), wie wir sie hier als reine Entlehnung in dem Wort dope (V. 24) finden, in der Bedeutung „drogue“. In dieser Frage kann Lolita aber ihren Vater mit der familiären Wendung „pas d’lézard“ (V. 24) beruhigen mit der Bedeutung „il n’y a pas d’problème“ (Petit Robert 1994) oder „pas de difficulté“ (Colin 2001). Ihre Begründung dafür ist zwar recht simpel, Renaud spielt aber mit der Zweideutigkeit des Begriffs „il est accro qu’à moi“ (V. 25). Accro als apokopierte Form von être accroché trägt einerseits die Bedeutung „dépendant d’une drogue“, was im Kontext der „Question dope“ (V. 24) entspricht, und andererseits „être passioné par“, nämlich von Lolita.

Die weiteren Ausdrücke sind sehr geläufig im familiären Register wie „y veut s’arracher“ (V. 29), „Bosser pour Médecins sans frontières“ (V. 30), „Te bile pas pour l’armée“ (V. 31), „J’ui ai même dit qu’on l’planqu’rait“ (V. 32) und „En virant toutes mes p’luches“ (V. 33). Durch die Beschreibung des amoureux charakterisiert Renaud sich selbst. Der Freund spielt Gitarre, mag Katzen, ist kein Musterschüler, er ist nicht sportlich, aber trotzdem, wie Renaud, Fußballfan von Lens und Marseille, er ist „Au bras d’fer aussi nul“ wie Renaud selbst „et en plus il est protestant“ (V. 21). Diese Aussage gewinnt erst an Bedeutung, wenn man Renauds besondere Beziehung zu dieser Religionsangehörigkeit kennt: „Être protestant, cela m’a donné le très vague sentiment d’appartenir à une minorité opprimée. Je ne pratique pas mais je me sens complice“ (Renaud, in: Plougastel 1986, Anhang S. XLIII).

4.4.2.2 Morphosyntax und Phonetik

Die syntaktische Struktur des Chansons beruht auf vielen Imperativformen, besonders in der ersten Strophe, in der Lolita ihren Vater auf den Besuch ihres Freundes vorbereiten möchte. Inständig bittet sie ihn „Lui file pas un coup d’boule...“ (V. 3), „Lui fais pas bouffer des clous“ (V. 4), „Fous pas l’feu à sa mob“ (V. 6), „L’appelle pas microbe“ (V. 7), „Lui dis pas qu’il est moche“ (V. 7), „Lui fais pas les poches“ (V. 8) und „T’en fais pas Papa“ (V. 9 u.a.). Da es in diesem Chanson hauptsächlich um die Beschreibung des amoureux geht, treten die Personalmorpheme il und lui relativ häufig auf. Allerdings werden die Gemeinsamkeiten und Unterschiede von Renaud und Lolitas Freund durch die Gegenüberstellung der Personalmorpheme il und toi dargestellt: „Il est ‘achement plus beau/On dirait toi sur tes vieilles photos“ (V. 12 f.), „Il aime que Lens et Marseille comme toi“ (V. 39), „Au bras d’fer il est aussi nul que toi“ (V. 41). Dass es sich um einen Dialog zwischen Renaud und seiner Tochter Lolita handelt, in dem Renaud allerdings nur indirekt auftritt, wird deutlich durch die Verwendung der Personalmorpheme tu, te und toi sowie durch die direkte Ansprache „mon Papou“ oder „Papa“: „J’t’en supplie mon Papou“ (V. 1), „Il écoute que Brassens et toi“ (V. 10), „Tu craignais qu’j’t’ramène un p’tit con-Chevignon“ (V. 14) und „T’en fais pas Papa“ (V. 9 u.a.). Lange Wendungen werden verkürzt zu einfachen Ausdrücken, wie zum Beispiel „Question dope pas d’lézard“ (V. 24) im Sinne von „Il n’y pas de difficulté en ce qui concerne les drogues“ oder auch „T’en fais pas“ (V. 9 u.a.) statt „Ne te fais pas de soucis“.

Im morphologischen Bereich finden sich in mimetischer Verwendung hauptsächlich Elemente der gesprochenen Sprache wie die vereinfachte Verneinung („Lui file pas un coup d’boule“, V. 3) und die in unterschiedlichen Varianten auftauchenden Personalmorpheme. Je wird mitunter verkürzt zu <j‘> vor Konsonant [S], il wird vereinzelt verkürzt zu <l‘> vor Vokal („L’appelle pas ‘microbe‘ l’est plus grand qu’toi“ (V. 6) oder zu <y> [i] vor Konsonant („Y joue d’la guitare“, V. 26), „Y dessine on dirait Hugo Pratt“, V. 28). Das indirekte Objektpronomen lui wird in der gesprochenen Sprache verkürzt zu <ui> [çi]: „J’ui ai même dit qu’on l’planqu’rait“ (V. 32).

In phonetischer Sicht bleibt das Chanson auch im Rahmen des gesprochenen und familiären Französisch. Das e muet fällt hauptsächlich bei einsilbigen Personalmorphemen wie je, te, le, se. Inmitten eines Wortes fällt das e muet bei ch’veux (V. 7), tu l’aim’ras (V. 9 u.a.), p’tit (V. 14), on l’planqu’rait (V. 32) und toutes mes p’luches (V. 34). Der Ausfall ist also gemäßigt, es handelt sich nicht um ein diastratisches Phänomen, sondern um gesprochene Sprache im familiären Umgang.

 



[1] Im Album Morgane de toi, Polydor 1983.

[2] Aus dem Album A la belle de mai, Polydor 1994.

"Caractérisation linguistique des personnages des chansons de Renaud" par Barbara Bungter - Présentation en ligne