5. Register und Sprachniveaus in Renauds Chansons

Durch die Gliederung und Einordnung der Chansons in bestimmte Themengebiete fallen einige gemeinsame Merkmale bei der Darstellung und Charakterisierung der Protagonisten auf, die allerdings nicht verallgemeinert werden dürfen. So lässt sich feststellen, dass Renaud im häuslichen Umfeld, das heißt im Gespräch mit Dominique oder Lolita, auf einem familiären Sprachniveau bleibt. Dazu wählt er das Register des français familier und auch teilweise des français populaire, um eine gewisse Nähe auszudrücken. Dennoch muss man auch hier differenzieren, da das Sprachniveau und die Register in direktem Bezug zum Inhalt des Chansons stehen. So unterscheidet sich ein Liebeslied an Dominique (Ma gonzesse, En cloque) sprachlich von Chansons, die häusliche Probleme behandeln wie Me jette pas.

Dieses lässt sich auch beobachten, wenn Renaud die Rolle des unbeteiligten Erzählers einnimmt, wie in den Chansons Banlieue rouge oder Baston!, wobei im letztgenannten Chanson die Schwere des Inhalts teilweise auch sprachlich zum Ausdruck kommt.

Charakteristisch ist das Sprachniveau in Chansons, die von der Vorstadt und den loubards handeln wie zum Beispiel Marche à l’ombre!, C’est mon dernier bal und Laisse béton. Hier steht der Argot der loubards im Vordergrund, es lassen sich bestimmte Wortfelder bestimmen, die für diese Randgruppe typisch sind. Auch die phonetischen und morphosyntaktischen Merkmale wie starke Vereinfachung in der Aussprache und der Satzstruktur können generell als Zeichen dieses Sprachniveaus betrachtet werden. Wiederum muss aber differenziert werden, denn Renaud stellt keineswegs nur einen einzigen klischeehaften Typen einer bestimmten Gesellschaftsgruppe dar, sondern versetzt sich und seine Zuhörer in die ganz persönliche und individuelle Position seines jeweiligen Protagonisten. So unterscheiden sich die beiden Figuren aus Marche à l’ombre (eine aggressive Person mit negativer Grundeinstellung) und Laisse béton (ein friedfertiger, ruhiger loubard) deutlich.

Auch in seinen autobiographisch geprägten Chansons bleibt Renaud durchaus nicht immer auf einem Sprachniveau. Hier ist wieder die Verknüpfung zwischen Inhalt und Sprache besonders wichtig. Stimmungen, Gedanken und Grundhaltungen werden durch die Wahl des Sprachniveaus und des Registers unterstützt.

Gesellschaftskritische Chansons sind meistens gut verständlich und provozieren mehr durch ihren Inhalt als durch ihre sprachliche Struktur. Das Vokabular ist meistens sehr aggressiv und provozierend, mit bewussten Verstößen gegen die Grammatik und andere sprachliche Konventionen setzt sich Renaud über die Werte der Gesellschaft hinweg und grenzt sich ab. Chansons wie Hexagone, Fatigué, Morts les enfants oder auch Société tu m’auras pas schockieren allerdings nicht durch argotische oder schockierende Lexeme, sondern durch ihr Gesamtkonzept. Einige Chansons wie beispielsweise  Où c’est qu’j’ai mis mon flingue? verstärken ihre Aggressivität auch durch besonders schockierende Lexeme.

Eine Quintessenz zu ziehen und Renauds Sprache also allgemein zu beschreiben wäre ein sehr oberflächlicher Ansatz. Jedes Chanson steht für sich, jede beschriebene Person und ihr Umfeld sind durch ihre Sprache und ihre Handlungen charakterisiert. Auch wenn sich Parallelen zwischen der sprachlichen Struktur bestimmter Chansons aus bestimmten Themenbereichen ziehen lassen, so überwiegen doch die feinen Unterschiede und Besonderheiten eines jeden einzelnen Chansons, sprich eines jeden einzelnen Protagonisten. Und genau dieses macht den Charme von Renauds Chansons aus, denn nur durch eine individuelle Beschreibung seiner Protagonisten ermöglicht Renaud seinen Zuhörern, sich in diese Figuren einzudenken und einzufühlen.

Sprache ist also, wie im wirklichen Leben, nicht überall gleich, sondern sie unterscheidet sich bei jedem einzelnen Individuum, was sich in der Wortwahl, der Morphosyntax und der Phonetik widerspiegelt.

"Caractérisation linguistique des personnages des chansons de Renaud" par Barbara Bungter - Présentation en ligne